28. August 2012 · Kommentare deaktiviert für Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , , ,

Dass ich mit Thees Uhlmann wenig anfangen kann, habe ich schon einmal beschrieben. Nun war es aber so, dass Uhlmanns Label Grand Hotel Van Cleef Zehnjähriges feierte, auf der Bahrenfelder Trabrennbahn, und die schöne, kluge Frau wollte da hin. Dachte ich mir: Mensch, was für doofe Kulturveranstaltungen die schöne, kluge Frau schon mehrere Male mir zuliebe über sich ergehen ließ! Und außerdem wird man ja nicht dümmer, nur weil man sich ein Konzert anschaut, also dachte ich mir, wie gesagt: Gehste mal mit.

Und so einfach ist das alles gar nicht.

Uhlmann ist nämlich gar nicht der Hauruck-Kumpelrocker, den man ihm immer wieder unterstellt, Spezialist für Bier, Männerfreundschaften, Fußball. Uhlmann ist, das macht der Doppelauftritt (einmal solo mit der „Thees Uhlmann Band“, einmal für einen Kurzauftritt mit der Ur-Trio-Besetzung von Tomte, rumpeligen Songwriterpunk als hätten wir noch 2001) deutlich, ein Showman, das ja. Der genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, der genießt es, Zuarbeiter zu haben, die ihn mit einem sämigen Wall of Sound umschmeicheln. Weswegen er beim Soloauftritt tatsächlich im Mittelpunkt steht, kaum noch Gitarre spielt (nur auf ein paar Songs eine zurückhaltende Akustische), sondern einnehmend die Arme ausbreitet: „Ich liebe euch! Wirklich!“ Und dazu einen Anzug trägt, der ihm, ehrlich gesagt, ziemlich gut steht – dieser Auftritt ist deutlich mehr Camp als ich es Uhlmann zugetraut hätte. Und nicht zuletzt wagt sich dieser Auftritt bewusst auf unsicheres Terrain. Da ist kein 08/15-Schrammelpop mehr, da sind wirklich große Arrangements, zu denen vieles passt – was nicht passt, ist eine Rapeinlage, also holt sich Uhlmann für „Und Jay-Z singt uns ein Lied“ einen Rapper auf die Bühne, Casper, den ich in seinem komischen Indie-Emo-Authentizitätsgehabe auch nicht ausstehen kann, aber man muss Uhlmann durchaus zu Gute halten, dass er nicht auf Nummer Sicher geht, sondern dass er Sachen ausprobiert, die theoretisch auch schief gehen könnten.

Vor mir tanzt ein älterer Typ mit Kutte. Auf der Kutte ein Aufnäher: Böhse Onkelz. Uhlmann würde sagen: Besser, die Onkelz-Fans kommen zu mir und hören dort gute Musik mit guten, linken Texten als dass sie zu Störkraft gehen würden, und natürlich hat Uhlmann da irgendwo recht. Es gibt blöderes Denken für einen Labelchef (der Uhlmann ja auch ist, Mensch, der Typ ist sowas von Indie, da kann ich ja gar nichts gegen haben!) als das: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Ist doch klasse, nicht? Die Welt wäre besser, gäbe es mehr Typen wie Thees Uhlmann.

Noch viel besser wäre die Welt aber, gäbe es mehr Typen wie Kettcar, deren Sänger Marcus Wiebusch ebenfalls am mittelständischen Unternehmen Grand Hotel Van Cleef beteiligt ist und die nach Uhlmann spielen. Im direkten Vergleich sind dann nämlich die Verhältnisse wieder zurecht gerückt. Uhlmann denkt: Der Kapitalismus ist scheiße, aber wenn wir uns ein bisschen anstrengen, zumindest keine ganz so großen Arschlöcher zu werden, dann kommen wir da halbwegs würdevoll durch. Kettcar denken: Der Kapitalismus ist eine Zumutung, und egal wie wir uns anstrengen, würdevoll kommen wir da nicht durch. Wir müssen auch unsere Miete zahlen, deswegen hängen wir uns rein, aber gut wird da nichts mehr. Und auf Onkelz-Fans könnten wir eigentlich auch verzichten.

Und irgendwie hört man diese andere Haltung auch der Musik von Kettcar an. Ich fühle mich da mehr aufgehoben.

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