02. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für KAOS (2): Definitely maybe · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , ,

Als ich die Motivserie das erste Mal sah, dachte ich, mein Englisch spiele mir einen Streich. „Maybe never will be her own boss“ oder „Maybe never wrote a song“: Auf diesen Plakaten fehlte mir das Subjekt, eigentlich müsste das doch heißen „Maybe she never will be her own boss“, aber wahrscheinlich ist das Verschlucken des Subjekts ja auch Slang, den ich nicht verstehe, man weiß so wenig. Anyway, „Maybe (she) never will be her own boss“ gefiel mir, weil es mit charmant loserhaftem Understatement zu spielen schien, vielleicht würde die hübsche Friseurin auf dem Plakat ja wirklich nie ihren eigenen Salon aufmachen, auf ewig würde sie unterbezahlte Lohnschnipplerin bleiben, aber, hey!, Ehrgeiz ist was für Betriebswirtschaftler, und mit der richtigen Zigarette lässt sich auch das unangenehmste Abhängigkeitsverhältnis ertragen. Ich rauchte nicht mehr, aber würde ich noch rauchen, dann hätte ich mit Marlboro eine Marke gefunden, deren Corporate Identity mich ansprach

Erst als die Plakate in die zweite Runde gingen und außerdem noch Kinowerbung dazu kam, dämmerte mir: Da fehlt überhaupt kein Subjekt. „Maybe“ ist das Subjekt.

Ausgedacht hat sich die Kampagne die Frankfurter Agentur Leo Burnett, es gibt mehrere Motive, auf denen jeweils hübsche junge Menschen zu sehen sind, die zu zweifeln scheinen, „vielleicht hätte ich diesen Job ja doch nicht annehmen sollen/diesen Typen doch nicht küssen sollen/mich doch nicht stagedivend in die brodelnde Rockfanmasse werfen sollen?“ Nur um die Zweifel dann konsequent beiseite zu wischen: kein „Vielleicht mehr“, „to hell with maybe!“ So explizit knallte einem schon lange niemand mehr ins Gesicht, was er vom Überdenken einer Entscheidung hält. Im Grunde übernehmen die Kreativlinge von Leo Burnett damit eine Aussage aus der Bibel, „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5.37). Man könnte sich an die Ergebnisse solcher Konsequenz erinnern, man könnte an die Kreuzzüge denken, an die Missionare, an die Rolle der Kirche in südamerikanischen Rechtsdiktaturen, dann käme man vielleicht zu dem Schluss, dass es manchmal durchaus angebracht wäre, eben nicht „Ja, ja“ oder „Nein, nein“ zu sagen, sondern etwas Skrupulöses, etwas Zweifelndes, maybe. Bei Leo Burnett denkt man nicht so. „To hell with maybe!“

Griechenland geht den Bach runter, die Bescheidwisser, die Typen, die sich immer sicher waren, die Typen auf der Siegerseite, haben abgewirtschaftet. Aber statt dass sie zugeben, dass die einfachen Antworten nicht mehr funktionieren, werden sie aggressiv. Die Marlboro-Kampagne ist um ein Vernichtungsmotiv herum gebaut, diese Kampagne macht einem kein vorgeblich freundliches Angebot, doch auch einmal positiv auf die Welt zu schauen, sie lässt keinen Zweifel daran, was mit den Leuten gemacht werden sollte, die zu zweifeln wagen. „To hell with maybe!“ Falls ich spätabends einem Leo-Burnett-Kreativen in einer dunklen Seitengasse begegnen sollte, möchte ich nicht, dass er mich als Zweifler erkennt.

Aktueller Bezug: Es ist Samstag, 2. Juni 2012, und in Hamburg-Eilbek begehen Nazis ihren so genannten „Tag der deutschen Zukunft“. Ich finde das schlimm. Aber mehr Angst als vor ein paar grölenden Glatzen habe ich vor den Typen, die sich eine Werbekampagne wie die oben beschriebene ausdenken.

P.S. Es gibt eine ganze Menge Kritik an der Kapmagne, teilweise mit dem meinen ähnlichen Unbehagen unter anderem bei Queergedacht. Thomas Koch kritisiert die Unverständlichkeit der Slogans, Annette Mattgey bemängelt, dass die Kampagne geradezu als Einladung für Adbuster daherkomme, und Agenturchefin Gabi Lück fühlt ihren Intellekt beleidigt.

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