Wird diese Rubrik jetzt zur Werbekritik? Gibt es außer schlechter Werbung keinen Anlass zum Kotzen auf offener Straße? Alltagssexismus, Euro-Rettungsschirm, Verfassungsschutz? Egal. Gestern im Kino gewesen, „The Dark Knight rises“, was schlechter war als gehofft aber besser als gedacht, und vorab lief ein Spot für die Billigzigarettenmarke L&M, ein Spot, der so widerlich anmutete, dass mir der halbe Batman verdorben war. Die Handlung des kurzen Films jedenfalls sieht folgendermaßen aus: Man sieht feiernde Menschen im Club, der Alkohol fließt in Strömen, ein hübscher DJ legt mehr oder weniger massentauglichen Deep House auf – und plötzlich ist der Strom weg. Kein Sound, kein Licht, mehrere Sekunden, originellerweise hört man Stimmengewirr, „Pschht!“. Und plötzlich sehen wir Blitze, Funken, dann erglimmt ein Feuerzeug, der DJ zündet sich eine Zigarette an, ein Zug, Genuss, noch einer. Und dann ist der Sound wieder da, cooler, lauter als zuvor, alle sind glücklich.

Ich weiß gar nicht, was mich an diesem harmlosen Spot am meisten anwidert. Vielleicht: die Szene, die hier feiert, blondierte Frauen im knappen Rock, muskulöse Jungs im schrillen Hemd, Schnaps schwappt, Daumen werden nach oben gereckt, Grüppchen hüpfen im Takt, man glaubt, Grölen zu hören, man glaubt, Schweiß zu riechen. Ich bin überzeugt, dass der Clip in einer echten Disco aufgenommen wurde, solche Typen kann man nicht casten, solche Typen findet man nur in der realen Welt. Allerdings vor allem in Läden wie dem Münchner P1 oder dem ibizenkischen Club-Franchise Pacha, Läden, die irgendwo schon ein existierendes Nachtleben repräsentieren, aber das ist ein Nachtleben, das wenig zu tun hat mit Weltflucht und viel mit Reproduktionsleistung, Leistung, die die anwesenden Hardbodies mit jedem Schweißtropfen aus ihren definierten Körpern herauspressen. Feiern ist für diese Menschen etwas, das zu tun hat mit Geld.

Es ist nicht fair, diese Zigarettenwerbung dafür in Haftung zu nehmen, die zuständige Agentur hat sich wahrscheinlich rein gar nichts dabei gedacht, das sind Werbedeppen, die es wohl nicht besser wissen, die denken eben: Feiernde Menschen sehen so aus. Aber: Das Wissen um solch eine Feierszene, wie sie hier gezeigt wird, verdirbt mir die Freude am Nachtleben. Und wenn ich kein Nachtleben mehr habe, was habe ich denn dann noch?

2 Kommentare

  1. Hey, mir ist die Werbung auch schon ungut aufgefallen. Allerdings aus anderen Gründen. Sie ist schlecht, weil sie am Leben vorbei geht. In welchem Club darf man denn noch rauchen? Wo sehen die Menschen so aus? Im Gegensatz zu dir empfinde ich die Typen als überaus gecastet. Das ist doch nicht das Nachtleben, wie es da draußen passiert. Okay, ich war noch nie im Pacha oder im P1, aber da sind doch dann die Typen, die sich Koks reinziehen, aber doch keine Zigaretten, die Falten machen oder Lungenkrebs, die gönnen sich doch was „Besseres“. Und wenn sie rauchen, dann doch nicht L&M.

    Und zusammen mit dem Marlboro-Fail macht mich das glücklich, denn dass Zigarettenwerbung im Moment so derbe versagt, das zeigt, dass das Rauchen so langsam nicht mehr cool ist, nicht mehr mitten unter uns stattfindet, sondern in abgeschlossenen Kammern, im Regen vor der Tür, heimlich auf der Tanzfläche, nicht mit gutem Gefühl, sondern leicht schlechtem Gewissen – und auch wenn das wiederum nur ein Zeichen unserer Leistungsgesellschaft ist, was ich daran gut finde ist, dass keine Werbung der Welt das noch ändern könnte. (außer sie würde den Mut haben, genau das zu thematisieren)

    • „Und wenn sie rauchen, dann doch nicht L&M.“ Das stimmt allerdings. Aber ich fürchte, dass Nachtleben tatsächlich noch manchmal so ähnlich aussieht – nur eben in Läden, wie wir sie nicht besuchen. In Michael-Ammer-Läden.