Ich habe einen Shitstorm entfacht. Nur einen ganz kleinen, also, ich war der einzige, der stürmte, aber immerhin hat es gereicht, dass jemand durch meine Aktivitäten im Internet verletzt reagierte. Und das tut mir leid. Jedenfalls passierte das folgendermaßen:

Es gibt eine mir bislang unbekannte Elektronikkette namens Redcoon, und die schaltet gerade eine mehr als niveaulos sexistische Fernsehwerbung, die ich hier nicht einbinden möchte, aber wen es interessiert, den Spot gibt es hier zu sehen. Auf jeden Fall wies mich die Textzicke über Twitter auf eine interessante Reaktion hin, die den Sexismus in besagtem Spot auf den Punkt bringen würde. Und es stimmt, interessant war die Reaktion: Heiko Kuschel beschreibt auf seinem Blog in einem durchaus emotionalen Ton, wie entsetzt er sich die Clips (es gibt mehrere) angeschaut hätte und nicht glauben konnte, was für ein Ausmaß an Sexismus möglich ist, in der Woche zwei nach #aufschrei. So wünscht man sich eine Reaktion, gerade von Männerseite, eine Reaktion, die betont, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer unter männlichem Sexismus zu leiden haben.

Nur leider ist Heiko Kuschel Pfarrer, und sein Blog läuft über die die Seiten der Citykirche Schweinfurt. Wer regelmäßig die Bandschublade liest, der weiß, dass ich meine (durchaus persönlich begründeten) Probleme mit dem christlichen Glauben habe, jedenfalls kommentierte ich den Beitrag mit einem hingeworfenen „Und wäre der Text nicht von einem Pfarrer geschrieben, fände ich ihn noch viel nachvollziehbarer …“ Ich gebe zu, dass ich mir da wenig dabei gedacht habe und vor allem nicht realisiert habe, dass mein Gegenüber nicht nur Pfarrer ist, sondern in erster Linie Mensch. Mit anderen Worten habe ich da jemandem ins Gesicht gespuckt: „Du bist scheiße. Weil du einen bestimmten Job hast.“ Ich weiß, wie ich reagiere, wenn jemand so etwas über Journalisten sagt. Dass Kuschel das Thema noch in einen ganz falschen Hals bekommen hat, dass er nämlich dachte, ich würde ihm angeblich pfarrertypischen Kindemissbrauch vorwerfen, das war allerdings wirklich nicht so gemeint (und, wenn ich ehrlich bin, glaube ich auch nicht, dass man aus meinem Tweet so etwas herauslesen konnte). Mir ging es schlicht darum, dass ich die christlichen Kirchen nicht unbedingt als kompetent ansehe, über Sexismus zu reden.

Nur muss man damit nicht einem Vertreter dieser Kirchen anblöken, auf 140 Zeichen.

(Ich könnte das jetzt noch ausführen. Ich könnte darüber schreiben, weswegen ich denke, dass die Protestanten nicht wirklich besser sind als die Katholiken, bezüglich Sexismus. Ich könnte darüber schreiben, dass die Protestanten im Dritten Reich den Nazis noch viel weniger Gegenwehr entgegen brachten als die Katholiken. Ich könnte darüber schreiben, dass ich sehr wohl weiß, dass es einen nennenswerten christlichen Widerstand gab, allerdings gab es noch einen viel nennenswerten kommunistischen Widerstand, der leider in zumindest meinem Geschichtsunterricht nie vorkam, es war ja viel wichtiger, die Oppositionsarbeit der christlichen Weißen Rose zu würdigen. Ich könnte darüber schreiben, wie sich die Evangelische Kirche dieser Tage dagegen wehrt, dass ein längst aufgegebenes Kirchengebäude an eine muslimische Gemeinschaft verkauft wird und anscheinend gar kein Problem damit hat, hier Beifall von islamfeindlicher Seite zu bekommen. Ich könnte schreiben, dass die christlichen Kirchen immer schon auf Seiten der Macht standen, und die Macht ist hierzulande männlich, weiß und im Besitz der Produktionsmittel. Das könnte ich schreiben, und irgendwann werde ich das auch schreiben. Aber ich werde nicht mehr billig durch die Gegend blöken, ohne Argumente, nur wegen des knalligen, kurzen Tweets.)

3 Kommentare

  1. Lieber Falk,
    Entschuldigung angenommen. :-) Ich weiß, dass auch ich selber manchmal anderen auf den Schlips trete. Gerade in der Kürze von Twitter passiert das schon mal. Die Assoziation mit dem Kindesmissbrauch kommt leider wirklich als erstes, denn als Pfarrer wird man mit diesem Thema regelmäßig konfrontiert. Das konnte man nicht aus dem Tweet herauslesen, das stimmt, aber es ist halt das, was immer wieder kommt.
    Natürlich ist auch in der evangelischen Kirche nicht alles gut – und normalerweise bin ich auch nicht der, der sagt „aber bei uns ist doch alles besser als bei den Katholen“, ganz im Gegenteil, ich versuche eher, unsere Gemeinsamkeiten zu betonen. Bei der Rolle der Frau ist der Unterschied allerdings wirklich augenfällig, finde ich. Ich hätte mir in diesem Post ein bisschen mehr zum Thema „Frauen in der evangelischen Kirche“ erhofft, denn darum ging es ja ursprünglich.
    Ja, der Widerstand im Dritten Reich war, gelinde gesagt, mau. Wir können nur versuchen, es heute besser zu machen. Über das mit der Umwandlung einer Kirche zur Moschee sollte ich vielleicht mal selber was bloggen. Mir ist eine Moschee tausendmal lieber als was „Weltliches“.
    Danke für die differenzierte Darstellung und Sichtweise.

    • Ich fürchte, bei jeglicher Differenzierung gerät das Medium Twitter sehr schnell an seine Grenzen. Wieder was gelernt: nicht einfach ohne richtig nachzudenken Tweets rauszuhauen.

  2. Ach, ab und zu muss das auch mal sein dürfen. Mache ich auch gelegentlich. Und: Differenzierte Diskussionen gehen durchaus. Zum Beispiel eine evangelisch-katholische mehrtägige Diskussion über das „Priestertum aller Gläubigen“. ( http://bit.ly/priestertum ) – aber das ist natürlich ein ganz anderes Thema, das eigentlich nicht hierhergehört. Nur ein Beispiel für die Möglichkeiten, die Twitter bietet.