Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Und dann sagt Volker Lilienthal, der Gott des investigativen Journalismus, dann jedenfalls sagt Professor Volker Lilienthal, dass der Journalismus in Deutschland noch nie so gut gewesen sei wie momentan. Und dass man sehr guten Journalismus auch ganz ohne Bezahlung machen könne. Und ich murre, irgendwie murrt das gesamte Publikum, Kunststück, das Publikum beim taz-Salon „Zukunft der Zeitung“ besteht wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Journalisten, und die finden es alle nicht so besonders lustig, wenn da auf dem Podium jemand sagt, dass man Journalismus auch ohne Bezahlung machen könne. Zumal neben ihm auch noch Isabella David sitzt, Chefredakteurin des Online-Magazins Mittendrin, die ja tatsächlich unbezahlt arbeitet, und die Arbeit, die sie abliefert, ist nicht die schlechteste. Zumindest murrt niemand als David auf die Frage antwortet, weswegen sie das denn mache, deswegen nämlich: weil sie unzufrieden sei mit der Berichterstattung der Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt über Hamburg-Mitte, niemand murrt, alle nicken wissend. Ja, es ist gut, dass da jemand was macht, und wenn es auch für lau ist.

Und so einfach ist das ja alles nicht. Die klare Ansage des arbeitnehmenden Journalisten, „Arbeit muss bezahlt werden, und wenn die Arbeit nicht bezahlt wird, dann wird sie nicht gemacht“ in Ehren, aber: Was, wenn sich gar niemand daran stört, wenn wir unsere Arbeit nicht machen? Wenn wir verschwinden, und kaum jemand vermisst uns? Es ist ja schlicht so: Kaum noch jemand ist bereit, für Journalismus zu bezahlen, egal ob über Anzeigen, ein öffentlich-rechtliches Medienmodell oder den Copypreis. Wo also soll die Bezahlung herkommen? Und sollte man den Kram nicht besser gleich hinschmeißen?

Und ich: Weswegen mache ich das eigentlich, in meiner kleinen Nische? Ökonomisch mache ich es, um ein passendes redaktionelles Umfeld für Anzeigenschaltungen zu schaffen, jeder Journalist, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche, nur: Das ist der Grund, weswegen ich es mache, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu haben, aber es ist nicht der Grund, weswegen ich es überhaupt mache. Ich mache es überhaupt, um einen Diskursraum zu schaffen: Ich halte es für wichtig, dass Kunst und Kultur reflektiert werden, und für diese Reflexion sind die Kulturressorts der Medien ein Ort. Ich glaube nicht, dass sie der einzige Ort sind, sollten die Medien irgendwann alle den Bach runter gehen, muss sich der Diskurs andere Orte suchen, und wenn man dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch glauben kann, dann wird das bald sein: Ruch nimmt an, dass es in fünf Jahren keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird. Das war es dann also, mit meinem geschätzten Diskursort. Ich bin gerne behilflich bei der Suche nach einem neuen Ort, ich würde diesen Ort auch gerne pflegen, nur, irgendwie muss ich auch meine Miete bezahlen. Falls jemand da eine Idee hat – ich wäre offen für Vorschläge. (Markus Beckedahl hat ein paar Varianten für netzpolitik.org durchgerechnet, ist eine andere Baustelle, schon klar.)

Der Tod jedenfalls ist gar nicht so schlimm. Auf dem Podium saß schließlich noch Stefan Weigel, ehedem stellvertretender Chefredakteur der kürzlich eingestellten Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland – und machte Hoffnung. Ja, die FTD gibt es nicht mehr. Aber es gibt weiterhin so kluge, hellsichtige, eloquente Denker wie Weigel. Die brauchen nur einen neuen Diskursraum, aber wer sagt, dass das eine Zeitung sein muss?

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