Ich ging in Baden-Württemberg zur Schule. Baden-Württemberg, Lothar-Späth-Land. Baden-Württemberg, dem Land, in dem ein Gerhard Mayer-Vorfelder Kultusminister sein durfte. Baden-Württemberg, dem Land, das sich einen rechtsoffenen Think Tank namens Studienzentrum Weikersheim leistet. Baden-Württemberg, dem Land, in dem eine Annette Schavan nicht fürs Amt der Ministerpräsidentin kandidieren durfte, nicht, weil schon damals Zweifel an Schavans Doktorarbeit aufgekommen wären, sondern weil es da ungeklärte Familienverhältnisse gab, und so jemanden könne man vielleicht dem Stuttgarter Bildungsbürgertum zumuten, nicht aber „dem durchschnittlichen Schwarzwaldbauer“.

Vielleicht ist letzteres aber auch gar nicht so schlecht. Weil Schavan zurückstecken musste, wurde nämlich Stefan Mappus nächster Ministerpräsident, und der benahm sich so unmöglich, dass erstmals seit 1949 eine CDU-Regierung in Baden-Württemberg in die Opposition gewählt wurde. Die neue grün-rote Regierung ist zwar so ultrabürgerlich, dass es mich schon wieder schüttelt, aber immerhin hat sie einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem gefordert wird, die Aufklärung über sexuelle Vielfalt im Schulunterricht zu verankern. Einen Gesetzentwurf, der von konservativer und religiöser Seite pawlowsch angegriffen wird: Die herausgehobene Stellung von Ehe und Familie werde hier untergraben, man müsse sich heutzutage ja schämen, wenn man heterosexuell sei, und überhaupt habe man ja nichts gegen Schwule, aber. (Ich habe bei den Flâneuren schon einmal etwas über diese Argumentationsketten geschrieben.)

Ich weiß, was für einen Unterricht die Gegner des Gesetzentwurfs wollen, ich habe ihn mitgemacht. Ich saß im Biologieunterricht, als das Thema „Abtreibung“ (es wurde immer nur von „Abtreibung“ gesprochen, die Formulierung „Schwangerschaftsabbruch“ tauchte nicht auf) lautete, ich saß da, als die technischen Details einer Ausschabung besprochen wurden, ohne ein Wort über den sozialen Hintergrund, ich saß da, als die Lehrerin Flugblätter austeilte, mit Fotos von abgetriebenen Föten, „ich zeig’ euch das ohne Kommentar, damit ihr das mal gesehen habt“, Splatter für Fünfzehnjährige. Und ich saß im Religionsunterricht, als Filme über „das Wunder der Sexualität“ gezeigt wurden, Filme, die klarstellten, dass dieses Wunder nur innerhalb der Ehe stattzufinden habe: Ein junges Mädchen war da zu sehen, das einen Freund hatte, aber mehr als Knutschen war nicht, und als er doch mehr wollte, wies die Heldin ihn zurück, worauf er sich von ihr trennte. Traurig, erstmal. Auf lange Sicht wurde das Mädchen aber glücklich, mit einem neuen Freund, der warten wollte, während der stürmische Typ am Ende Drogen nahm. (Wir mochten solche Filme, weil es in ihnen zumindest angedeutet Brüste zu sehen gab.) Was ich im Unterricht nicht erfuhr: dass es Homosexualität gab. Das Thema tauchte nicht auf, man wusste zwar, dass es Männer gab, die sich nachts am Rosengarten, oberhalb des Donauufers, trafen, aber das war nur eine düstere Subkultur, nichts, das mit unserer Welt zu tun hatte.

Ich verachte diese Schule. Ich verachte diesen Unterricht. Ich verachte die Lehrer, die damals für uns verantwortlich waren, ich verachte Sie, Frau Walther, ich verachte Sie, Herr Neher. Und ich verachte die Menschen, die heute die Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ unterschreiben.