12. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Leicht und komplex und politisch und unverbindlich · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , ,

Viel Zeit ist nicht zwischen Interview und Abreise, aber weil das Museum für Gegenwartskunst Hamburger Bahnhof direkt neben dem Berliner Hauptbahnhof liegt und ein Aufenthalt auf dem wegen der nun endlich ausgebrochenen Revolution überstressten Bahngelände gerade ohnehin nicht das reine Vergnügen ist, kann man doch noch einen kurzen Abstecher zur Kunst machen. Zumal es ein klares Ziel gibt: Im Seitenflügel werden die Finalisten für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gezeigt, und gerade den Sieger, den gebürtigen Franzosen Cyprien Gaillard, der wie so viele andere Künstler längst in Berlin lebt, wollte ich mir schon lange mal anschauen.
Und, nunja, der Preis ist schon gerechtfertigt. Gaillard hat die mit 50000 Euro dotierte Auszeichnung für seine Arbeit „Artefact“ bekommen, einen Endlosfilm, der mit dem Handy aufgenommene Szenen aus Bagdad aneinanderreiht, ungefähr 15 Minuten lang, dann beginnt die Szenenfolge von vorn. Wir sehen Archive eines, anscheinend, archäologischen Museums, wir sehen Ausgrabungsstätten, wir sehen Straßenzüge, Wohnsilos, staubige Plattenbauten. Dazu läuft ein abgehackter Loop, der das Wort „Babylon“ ständig wiederholt, anscheinend aus einem Soulsong. Was manchmal an ein kunstiges Musikvideo erinnert und einmal tatsächlich einen überraschenden ästhetischen Mehrwert schafft, nämlich, indem Menschen nachts in einer Wüstenlandschaft im starken Gegenlicht aufgenommen werden, wohl vor Autoscheinwerfern, wobei man mit einem Schlag die Irak-Szenerie vergisst und stattdessen Tänzer in einem Club sieht, Tänzer in einem ganz eigenartig loungigen Club. Babylon.
Worauf die Szene wechselt, wieder eine endlose Autofahrt durch gesichtslose Vororte, wieder die Museumsarchive, ach, hier waren wir ja schon. Und im Hintergrund puckert der Loop vor sich hin.

Nach gut 20 Minuten ist man wieder draußen, und das ist vielleicht das Problem dieses Films, vielleicht ist es aber auch die Qualität Gaillards, die irgendwo symptomatisch ist für junge Kunst (Wobei: So jung ist der 31-jährige Gaillard auch nicht, so wahnsinnig emerging ebenfalls nicht, eigentlich im Gegenteil. Längst ein Star ist er.) und die „Artefact“ entsprechend preiswürdig macht. Sie lässt sich irgendwie zwischen Tür und Angel goutieren, sie ist irgendwie gleichzeitig leicht und komplex, sie ist irgendwie gleichzeitig politisch und unverbindlich. Hat man nun auch gesehen, war eine lohnende halbe Stunde, doch.
Die Bahnstrecke nach Hamburg derweil ist immer noch gesperrt, hat man etwa noch weitere Bomben gefunden, die den Alltag entschleunigen sollen („Wir sorgten heute Morgen für eine Entschleunigung der Hauptstadt als Global Player des Rüstungsexportes“, Dankeschön auch, Hekla) und doch nur meinen heldenhaften Kampf gegen den Kapitalismus sabotierten? Ach, Warten.

Alle Dinge auf der Welt,
seien sie schlecht oder hell,
und das Ding auf dem ich fahr‘,
fährt, glaube ich, zu schnell …
Lass mich stehen, denn ich saß
die ganze Fahrt.
Es war ein langer Weg nach Hause,
aber jetzt bin ich da.

Tomte, Voran Voran (2008)

Kaum ein deutsches Unternehmen wird so angefeindet wie die Deutsche Bahn, nicht Siemens, obwohl Atomkonzern, nicht Jung von Matt, trotz Bloggerbeleidigungen, nicht die katholische Kirche, trotz des ganzen Kladderadatschs, der da dran hängt. Nein, die Bahn. Wenn man über die Bahn motzt, erntet man immer Zustimmung, damit füllt man ganze Blogs (und die sind dann nicht einmal öde zu lesen sondern durchaus unterhaltsam), man ist Mainstream, aber man braucht sich für die eigene Mainstreamhaftigkeit nicht zu schämen, weil: Man steht auf der richtigen Seite. Man hat recht. Hat man?
Die Aufgabe der Bahn ist es, einen für einen angemessenen Preis von A nach B zu befördern. Und man kann sagen, was man will: Diese Aufgabe erfüllt das Unternehmen (okay, darüber, ob die Bahn-Preispolitik angemessen ist, kann man streiten, ich persönlich finde sie zu teuer, andererseits: Wenn man sie mit Auto oder Flugzeug vergleicht …). Manchmal gibt es Ärger, zu häufig, eigentlich, andererseits finde ich die Regelung, nach der man bei über 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstattet bekommt und bei über 120 Minuten Verspätung 50 Prozent, durchaus in Ordnung. Klar, wenn ich wegen einer eingefrorenen Weiche einen wichtigen Termin verpasse, dann hilft mir diese Entschädigung auch nicht weiter, aber was soll die Bahn denn machen? Sie sagt einem, dass man Rechte hat, diese Rechte kann man einklagen, das ist schon ein Grad an Kundenfreundlichkeit, der durchaus mal honoriert werden kann. Oder bin ich jetzt zu unkritisch? Ach, egal, ich kritisiere ja, durchaus.

Denn eigentlich ist die Bahn ein Beispiel dafür, was in diesem System grundsätzlich falsch läuft. Ästhetisch, ökonomisch, politisch.
1. Konkurrenz. Die Bahn sieht sich in der Konkurrenz mit anderen Verkehrsmitteln. Was nicht grundsätzlich etwas Schlimmes ist, man steht ja vor der Frage, ob man jetzt mit dem Zug nach Lüneburg fahren soll oder mit dem Auto, das ist also schon von vornherein ein Konkurrenzverhältnis zwischen Zug und Auto. Nur die Bahn nimmt diese Konkurrenz nicht an: Die Bahn sieht sich als Konkurrenz zum Flugzeug. Weil man hierzulande nichts gegen den individualisierten Autoverkehr sagen darf, gehen Bahn und PKW eine Art Koexistenz ein, Autofahren ist schon in Ordnung, nur Fliegen, das sollte man sich nochmal überlegen. Dass ich als Autogegner mich von solch einer Haltung abgeschreckt fühle, nimmt man achselzuckend in Kauf.
2. Amerika. Die Bahn wirkt massiv amerikanisiert. Ein Sprachästhet wie Matthias würde sich angesichts der Anglizismen-Häufung in der Bahnsprache über „Gammelsprech“ aufregen, aber ich bin kein Sprachästhet, ich nehme die Anglizismen nur als Symptom der Tatsache, dass die Bahn radikal durchamerikanisiert ist, will sagen: radikal dem Kapitalismusdogma hörig. Inclusive eines pervertierten Servicegedankens, inclusive massiv runtergefahrener Arbeitnehmerrechte. Was bei dieser Amerikabegeisterung allerdings unter den Tisch fällt: Die USA sind nicht unbedingt als Paradies der Bahnfahrer bekannt. Die USA sind eigentlich das Mutterland des Individualverkehrs.
3. Luxus. Es gibt hier ein Werbemotiv für das Nachtzugangebot der Bahn, das eine Frau im Negligé zeigt, die gerade an ihrem Frühstückskaffee nippt. Die Schlafbrille ist in die Stirn geschoben, hinter ihr gleitet der Eiffelturm vorbei, ihr Blick ist leicht vernebelt und flirty. Alles an diesem Bild strahlt Lazyness und Paarungsbereitschaft aus. Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, dass die Zielgruppe der Bahn anscheinend in erster Linie männlich und heterosexuell ist, aber das ist mir jetzt zu blöde. Ich will auch kein negatives Wort übers Vögeln im Schlafwagen verlieren, das ist ja sicher ganz toll, und insgeheim träumen wir doch alle davon, einmal in den City Night Line nach Interlaken-Ost zu steigen, weil uns hier ein zauberhaftes Wesen so einladend angelächelt hat, obwohl wir doch eigentlich nur nach Lüneburg wollten. Aber. Das würden wir doch wegen des zauberhaften Wesens mache und nicht, weil der City Night Line eigentlich ein fahrendes Luxushotel ist, in dem man den Champagner ans Bett geliefert bekommt. Denn wir sind ja nicht blöde. Wir wissen, eine Fahrt mit dem Nachtzug ist eine ziemliche Strapaze, die wir manchmal auf uns nehmen, weil es eben nicht anders geht. Die Bahn aber verkauft uns für blöde.
4. Urbane Provinzialität. Natürlich ist es klasse, dass die ICEs zu Stoßzeiten halbstündlich zwischen Berlin und Hamburg hin und her rasen. Finde ich, weil ich beruflich oft in Berlin bin. Nicht so gut ist das aber für den Regionalverkehr. Dort werden die Fahrpläne massiv ausgedünnt, nach Erndtebrück fahren Züge, deren Komfort gegen null geht, am Wochenende und nach 20 Uhr fahren sie gar nicht, getaktete Anschlüsse sind auch Mangelware, und wenn sie denn mal fahren, dann fahren sie höchstens nach Siegen. Klar, Erndtebrück ist nicht so cool wie Berlin, ist halt Provinz. Wobei sich die Bahn mit diesem Provinzverständnis selbst als zutiefst provinziell outet: Bei der Bahn hat man noch nicht verstanden, dass das Dorf nicht das große Andere zur Stadt ist, sondern die Rückseite der gleichen Münze.

Ach, Bahn. Ich will doch nur, dass du mich nach Berlin bringst, nach Erndtebrück und nach Ulm. Ich sehe dir auch nach, wenn nicht immer alles perfekt funktioniert, kann passieren. Wenn ich am Vorabend vor Heiligabend nicht rechtzeitig reserviere, dann stehe ich eben im Gang, ich würde nie behaupten, dass da jemand anders schuld sei außer mir selbst, versprochen. Für diesen Service bin ich bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen (vielleicht ein bisschen weniger als bisher, ließe sich da was machen? Hm?), und mehr Service brauche ich nicht. Ich wüsste auch schon, wie du deine Tickets günstiger machen könntest: Trenn‘ dich von deiner Werbeagentur, die tut dir nicht gut. Verzichte auf wichtigtuerische Großprojekte wie Stuttgart 21. Mach‘ einfach deinen Job. Danke.

03. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , ,

Manchmal träume ich vom Ulmer Hauptbahnhof, also, ich träume davon, wie der Ulmer Hauptbahnhof war als ich klein war. Ein riesiger Bau, düster, verwinkelt, stinkig. Der Hauptbahnhof stand für alles, was unübersichtlich war, bürokratisch, abweisend und fremd, also ein Abenteuerland für einen Fünfjährigen. Es gab Unterführungen, bei denen man nicht ahnte, wo sie einen hinbrachten, es gab eine baufällige Fußgängerbrücke, es gab Pilsschwemmen, in denen schon am frühen Mittag Alkoholiker saßen und kleinen Kindern, die sich hier zufällig rein verirrt hatten, den Kopf tätschelten. Es gab nach Pisse stinkende Nischen, Fahrkartenschalter mit schlecht gelaunten Bahnmitarbeitern, unverständliche Lautsprecherdurchsagen mit Fahrtzielen, die einem fremd waren, „auf Gleis 5 erhält Einfahrt der verspätete Intercity nach Hamburg-Altona mit Halt in Stuttgart, Frankfurt, Hannover“, „auf Gleis 2 Eurocity aus Amsterdam, Köln, Stuttgart zur Weiterfahrt nach Salzburg über Augsburg und München. Dieser Zug hat 15 Minuten Verspätung“. Im Keller gab es Toiletten, die man, wenn es irgend ging, nicht aufsuchen sollte, in der angrenzenden Passage außerdem einen fetttriefenden McDonalds, in den mich manchmal, selten, meine Großmutter ausführte, Pommes und heiße Apfeltaschen essen.
Der Ulmer Hauptbahnhof war ein Moloch, eine der zwei Berührungen mit der Welt der Industrie für mich Vorstadtkind, die andere war das Industriegebiet Donautal, rauchende Schlote, Arbeiter, die mit leerem Blick in die Fabriken schlurften, Manchester. Ich war gut im Dramatisieren, damals, aber ich kannte Industrie auch nicht anders, war bis dahin weder im Ruhrgebiet gewesen, noch in Bitterfeld noch im Hafen, das kam alles viel später.

Einschub: Ich bin, grundsätzlich, dafür, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Das ist nämlich so: Stuttgart ist extrem hügelig, eigentlich weniger eine echte Stadt mit Zentrum und umliegenden Vororten, sondern vielmehr eine Ansammlung von bebauten Tälern, und in deren Mitte liegt der Hauptbahnhof. In einem Talschluss, was zur Folge hat, dass wir es hier mit einem Kopfbahnhof zu tun haben. Kopfbahnhöfe aber sind problematisch, auch aus ökologischen Gründen, weil ein Zug immer die doppelte Strecke von der Bahnlinie zum Bahnhof und zurück braucht. Außerdem fressen sie Reisezeit, aber gut. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument für einen Umbau, ist in den Stuttgarter Tälern kein Platz für einen Flughafen, der liegt entsprechend auf einem der umliegenden Hügel Richtung Ulm. Wenn man nun aus Ulm zum Stuttgarter Flughafen möchte, dann fährt man erstmal zum Hauptbahnhof, steigt dort in die S-Bahn und fährt in der Gegenrichtung wieder zurück. Würde die Bahnlinie von Ulm aus über den Flughafen ins Stuttgarter Zentrum führen, dann könnte man eine knappe Stunde Fahrtzeit einsparen. Ich bin aus ökologischen Gründen dagegen, dass in jedem Kaff ein Flughafen gebaut wird, ich bin dagegen, dass man mit seinem stinkenden PKW zum Flughafen zockelt, ich bin dafür, dass einige wenige Flughäfen mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal angebunden werden. Und deswegen muss in Stuttgart was gemacht werden, Einschub Ende.

Was gemacht wird, ist Stuttgart 21: Ein monströses Neubauprojekt, das, grob gesagt, die gesamte Stuttgarter Innenstadt untertunnelt, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof macht und die Linie straight auf die Berge zum Flughafen (und dann weiter nach Ulm) führt. Es gibt Argumente für dieses Projekt, einige habe ich oben zitiert, es gibt auch Argumente dagegen, dazu zählen ungeklärte geologische Probleme mit dem Stuttgarter Erdreich, dazu zählen die exorbitanten Kosten, die in Zeiten leerer kommunaler Kassen andernorts fehlen, dazu zählt der massive Eingriff in das Stuttgarter Stadtbild, unter anderem die Vernichtung öffentlicher Parkanlagen. Es haben sich mehrere wichtige Protestgruppen gegen diese Pläne gebildet, meist als neue Form des entidelogisierten Bürgerprotests, der von gemäßigt links bis weit ins Bürgertum hineinreicht, charakterisiert. Die Machtelite hingegen reagiert auf diese neue Form des Protests ganz klassisch: mit Knüppeln.
So heterogen die Gegnerschaft zu Stuttgart 21 auch aufgebaut ist: Sie wird geeint durch das Gefühl, einer abgehobenen, arroganten und extrem brutalen Macht gegenüber zu stehen. Die Gegner sind wie ich nicht unbedingt gegen die Optimierung des Stuttgarter Bahnsystems, aber sie wären gerne gefragt worden. Sie möchten miteintscheiden. Sie möchten nicht, dass sie unter Entscheidungen zu leiden haben, die sie gar nicht verantworten – und leiden werden sie. Denn wer soll denn das Neubauprojekt bezahlen, wenn nicht die Bürger, mit Einschnitten ins Sozialsystem, mit Einschnitten in die kulturelle Grundversorgung zum Beispiel?

Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1914, Architekt waren Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, die unter dem Titel „Umbilicus Sueviae“ (Nabel Schwabens) ein hoch repräsentatives Bauwerk in die württembergischen Hügel gesetzt haben. Die Pläne zu Stuttgart 21 sehen vor, dieses als Kulturdenkmal geschützte Gebäude zu entkernen, die Seitenflügel würden abgerissen, übrig bliebe eine reine Fassade. Ein Witz.
Bahnhöfe sind nicht mehr das dunkle Abenteuer, das ich als Fünfjähriger kennengelernt habe, Bahnhöfe sind heute hell und offen und radikal durchkommerzialisiert. Fassaden, Witze. Der Berliner Hauptbahnhof, Leipzig, Frankfurt: Das sind nicht mehr die wilden Schlünde, von denen ich träume, das sind Malls mit Gleisanschluss. Manchmal finde ich noch Bahnhöfe meiner Kindheit, in der Provinz, große Bauwerke, viel zu groß für die umgebenden Städte, Bad Harzburg etwa. Oder im Ausland, in Ländern, in denen man die Sprache nicht versteht, wo ein Stimmengewirr einen umschwirrt, man am Schalter A die Bahnsteigkarte holt, damit man sich am Schalter B den Fahrschein kaufen kann, um am Schalter C die Verbindung genannt zu bekommen. Riga war so ein Bahnhof, in dem ich mich verlieren konnte. Ein Moloch.

Edit: Das Bild zeigt den Hauptbahnhof Dortmund. Ein Gleisgewirr, ein Verlorengehen, etwas, das zu groß ist, als das man es verstehen könnte.