Und B. meint, dass wir uns verändert hätten. Früher, in Gießen, da seien wir noch losgezogen, hatten uns abwegige, freie Theaterstücke angeschaut, diesen eigenartigen Daniil-Charms-Abend etwa, damals, in der komischen Kapelle hinterm Bahnhof. Ich sage B. nicht, dass gerade dieser Abend ein schlechtes Beispiel ist, weil er nicht wirklich aus der freien Szene kam, sondern vielmehr ein Projekt der Uni war, und Uniprojekte sahen wir damals alle Nase lang, mit Leuten aus der freien Szene die wir heute noch beobachten, Showcase beat le mot oder She She Pop. Das meinte B. aber nicht. B. meinte freie Theatermacher, die an eigenen Häusern arbeiteten. Und, ja, da hatte er recht, wir fuhren früher nach Marburg, ins Theater neben dem Turm, wo eine heute unter German Stage Service firmierende Gruppe um den Regisseur Rolf Michenfelder eine eher unakademische postdramatische Dramaturgie verfolgte. Machen wir heute nicht mehr, heute schauen wir uns auf Kampnagel freie Gruppen an, die tolles Theater machen und mit diesem drei, vier Produktionsstätten abklappern, das HAU in Berlin, das Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kampnagel noch, dazu die wichtigen Festivals, manchmal ist außerdem jemand Artist in Residence an einem Staatstheater. Produziert werden diese Stücke fast ausschließlich in Berlin, einige wenige Gruppen residieren noch in Hamburg oder Wien, und das war es dann auch. Unser Bild von freiem Theater ist ein ziemlich eingeschränktes.

In den vergangenen Wochen brach dieses Bild für mich ein wenig auf. Zum einen bei den Privattheatertagen, bei denen ich freie Produktionen gesehen habe, die einem eher konventionellen Theaterverständnis anhängen, zum anderen aber gerade beim Kaltstart Festival, das jüngeres, wilderes, ungeordneteres Theater zeigt. Vor allem: Theater, das aus anderen Produktionszusammenhängen kommt, jenseits der HAU-Kampnagel-FFT-Schiene. Gestern Tom Lanoyes Antikenüberschreibung „Atropa“ vom Theaterdiscounter Berlin in der Regie Anne Schneiders, ein derzeit viel gespielter Text, der sicher seine Qualitäten hat, mit dem ich aber nichtsdestotrotz wenig anfangen kann. Schneider inszeniert ihn ohne massives Hinterfragen ihrer Theatermittel, als kluges, postmodernes Stadttheater, und hat dafür ein tolles Ensemble zur Verfügung, allen voran Susanne Bormann, in deren Sookie Stackhouse-hafte Widerborstigkeit ich mich vom ersten Auftritt an ein wenig verliebt habe. Nur eben: keine Neuerfindung des Mediums, Theater, wie es auch am ambitionierten Stadttheater hätte laufen können.

Was aber, wenn man nicht in Berlin ist, wo solche Stücke ja wirklich auf den Stadttheater-Spielplänen stehen? Was, wenn man auf dem platten Land ist, wo niemand Ambitionen zeigt? Ambitionslosigkeit trifft auf Bochum zwar nicht wirklich zu, trotzdem kann ein Theater wie die Rottstraße 5 hier neben dem durchaus ambitionierten Schauspielhaus Anselm Webers bestehen. Oliver Paolo Thomas inszeniert „Fight Club“ recht nah am Film, das heißt: testosterondampfend, sarkastisch, blutig. Kann man machen, gerade im Ruhrgebiet, ist dann ein nicht reizloses Jugendtheater, für eine Jugend, die nicht wirklich zu den Coolen gehört, ohne Seitenscheitel, ohne Berliner Wohnung, ohne dieses „Hab ich alles schonmal gesehen“, das mir an mir selbst immer unangenehmer auffällt.

Und, ja, B. hat ja recht. Wir haben uns verändert. Wir sollten uns noch einen Tacken weiter ändern, sag‘ ich jetzt einfach mal.

Edit: Am Donnerstag, 12. 7., gibt es beim Kaltstart Festival ein Publikumsgespräch, im Anschluss an die Aufführungen „Dido und Aeneas“ und „The Making of Make-up“, in der Theaterakademie Hamburg (Zeisehallen), moderiert von Berit Paschen und mir.

26. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Don’t believe the Hype · Kategorien: Stoffe · Tags: , , ,

„Ein politischer Kurator zu sein, bedeutet für uns, jenseits der linken Position zu stehen, die Kunst mit dem richtigen Bewusstsein zeigt“, sagt Warsza. „Es bedeutet, dass man sich widersprechende Sichtweisen akzeptiert und in die Ausstellung einlädt.“

Die Berlin Biennale ist so eine Kunstausstellung, mit der ich wohl nie fertig werde. Eine Ausstellung, bei der ich hin- und hergerissen bin zwischen der Begeisterung für meist recht spannende Kunst, dem Interesse für die angestoßenen politischen Diskurse und der Abscheu gegen den Hype. Morgen startet die mittlerweile siebte Auflage (ja: Die Berlin Biennale ist auch ein Gradmesser für die Tatsache, dass ich nicht mehr jung bin), ich habe im Vorfeld ein Gespräch mit der Co-Kuratorin Joanna Warsza fürs April-uMag geführt (das ironischerweise seit heute nicht mehr aktuell ist). Und natürlich werde ich bei Zeiten hinfahren und was drüber schreiben. Wen interessiert, wie ich es vor zwei Jahren fand: Auch damals habe ich schon gebloggt.

15. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Vorbemerkung: Nachdem ich gestern diesen Post geschrieben hatte, dachte ich, dass klar würde: Es geht hier nicht um eine Abwertung dessen, was landläufig als „Provinz“ bezeichnet wird, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die konkret ich mit Provinz habe. Im Laufe des Abends dachte ich mir: Doch, das versteht man falsch! Man denkt, ich würde mich mokieren! Man denkt, ich würde mich für was Besseres halten! Dann schrieb Mark einen Text, in dem er beschreibt, wie glücklich er über seinen Umzug von Hamburg nach Berlin ist. Dann fragte mich K., wie es gewesen sei, „in der Provinz.“ Und als ich meinte, dass das keine Provinz war, weil ich doch eine tolle Theaterinszenierung gesehen hätte, antwortete sie, dass es doch eine Stadt nicht vom Provinzmakel befreien würde, wenn es dort tolles Theater gebe: „Braunschweig! Da gibt es doch nichts!“ Und da dachte ich mir: Vielleicht ist das Thema ja doch komplizierter als gedacht. Vielleicht ist es doch nicht falsch, den Artikel stehen zu lassen.

Die schöne, kluge Frau ärgert sich darüber, wenn ich über die Provinz herziehe, und natürlich hat sie damit recht. In Hamburg zu leben, ist keine Leistung, auf die man wahnsinnig stolz sein muss, im Gegenteil, 1,7 Millionen Menschen leben hier, und wenn man mal von den Problemen absieht, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, wird einem dieses Leben nicht wirklich schwer gemacht. Beziehungsweise, ich denke, es würde einem schwerer gemacht, wenn man zum Beispiel in Cottbus leben müsste. Und schwul wäre. Und/oder dunkelhäutig. Und/oder linksradikal. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, und wenn ich über Cottbus rede, dann ziehe ich eigentlich schon wieder über die Provinz her, erwischt!

Aber warum ziehe ich eigentlich über die Provinz her? Weil ich meinen eigenen, zutiefst provinziellen Charakter nicht losbekomme. Weil ich höllisch darunter leide, dass Hamburg selbst von Tag zu Tag provinzieller zu werden scheint. Weil erst C. nach Berlin zog und dann M., und gestern bekomme ich auch noch eine Mail von T., der Berlinhasserin T., die sich fragt, ob es nicht das Beste wäre, aufzugeben, die Koffer zu packen und loszuziehen, nach Berlin. Mein kleines, liebes Blog, mein Schreiben über „das Leben in der Stadt“ (wie ich es in meiner Kurzbio auf Nachtkritik formuliert habe), das ist doch nur ein Abarbeiten an der Provinz. Provinz, das ist nicht das Land (doch, das liebe ich), das ist auch nicht die Metropole (doch, die liebe ich auch), das sind die derzeit 65 Städte zwischen 100000 und 500000 Einwohnern, in denen die meisten Einwohner Deutschlands leben, prozentual mehr als in jedem anderen Land Europas. Halle, Bottrop, Salzgitter, Städte, die nie in den Nachrichten auftauchen, nie in den Feuilletons, Städte, in denen man nicht tot überm Zaun hängen möchte, was tun die Leute dort, um Himmels Willen? (Ich nehme einfach mal an: Sie leben. Sie arbeiten, besuchen Ausstellungen, gehen auf Konzerte, sie verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich. Häufig leben sie wahrscheinlich ganz glücklich, dort.)

Am Wochenende jedenfalls war ich Braunschweig. Ich kenne Braunschweig nur vom Durchfahren, der Blick vom Bahnhof: ein Alptraum in Brutalismus, aber Blicke von Bahnhöfen sind nicht besonders repräsentativ für eine Stadt, schon klar. Ansonsten ist Braunschweig Provinz für mich, 250000 Einwohner, geographisch wie metropolenmäßig zwischen Chemnitz und Gelsenkirchen. Allerdings mit riesigem Theater: 900 Plätze, das ist fast das Niveau des Hamburger Thalia, da fragt man sich schon, weswegen diese Bühne es überregional schwer hat. Zumal in der aktuellen Saison hier Leute wie Stephan Rottkamp inszenieren, Patrick Wengenroth oder Mareike Mikat – das sind ja alles keine Provinztrottel, das sind Leute, die ansonsten fest an der Schaubühne inszenieren, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Münchner Volkstheater, ich meine ja nur. Und auch die Premiere, die ich mir anschaue, Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in der Inszenierung von Anna Bergmann hätte in dieser Form problemlos in Hamburg oder Berlin gezeigt werden können, wobei, vielleicht ist das schon wieder der doofe Metropolenblick, der einer Kulturinstitution gönnerhaft zugesteht, „berlinfähig“ zu sein. Vielleicht hätte man auch einfach sagen können: Diese „Katze auf dem heißen Blechdach“ war eine gute Inszenierung, Punkt. Eine gute Inszenierung, von der niemand erfährt, weil, Braunschweig, das ist doch Provinz, da fährt man nicht hin.

(Was tatsächlich überall in der Provinz rumsteht: Häuser von Friedensreich Hundertwasser, Architektur an dem Punkt, an dem die Avantgarde in Kitsch umschlägt. In Braunschweig gibt es kein Hundertwasser-Haus, dafür aber eines von James Rizzi. Sieht auch nicht besser aus.)

01. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Die traurige Ballade von Ziska und Pit Zuckowski · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , , , , , ,

Kein Tatortteam hat es geschafft, sein Image so nachhaltig zu versauen, wie die Berliner. Jahrelang war man an der Spree besoffen von der eigenen Metropolenhaftigkeit, ließ die (ungeschickt als Buddie-Team konzipierten) Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) zwischen Bundespolitik und Hochfinanz ermitteln, inszenierte Berlin als Stadt, die New York sein wollte und sich nach Frankfurt streckte – und ignorierte dabei, dass der Reiz Berlins weniger in den Glasfassaden des Potsdamer Platzes lag als vielmehr in den verrottenden Altbauten Kreuzbergs, in der am Boden liegenden Ökonomie, der Migrationsgesellschaft, vielleicht auch der Party- und der Kunstszene. Mit anderen Worten: Das Berlin, das sich der RBB da erträumte, war ein Wunschbild der Neunzigerjahre, während das Stadtmarketing mit Wowereits „Arm aber sexy“ schon ein paar Schritte weiter war. Da half es auch nichts, dass das Berliner Team zuletzt mit Folgen wie der zu Recht hochgelobten Hinterhoffolge „Hitchcock und Frau Wernicke“ den Blick in die sträflich vernachlässigten Viertel öffnete, konkret nach Neukölln: Eine Ausnahme war das, ungeachtet der Tatsache, dass den Inszenierungen, vor allem aber dem Spiel Raackes nach und nach immer stärker eine wohltuende Altersmelancholie eingeschrieben war, wissend um die Tatsache, dass die eigene Attraktivität so sehr schwindet wie die westberliner Heimeligkeit. Wir ignorierten, dass die Folgen immer mehr die Lebenslüge thematisierten, dass man in einer echten Weltmetropole sein Kommissarsdasein fristen würde – Berlin, das würden immer die Möchtegerncoolen bleiben.

Der „Tatort: Alles hat seinen Preis“ geht diesen Weg weiter. Auch der jüngste Berliner Krimi spielt in einem ungenannten aber westberlintypischen Kiez, Kreuzberg wohl nicht, vielleicht Moabit: Die Gewerbehöfe sind runtergeritten, die Altbauten schön siffig, aber im Vorderhaus versucht sich ein Feinkostladen. Der allerdings so wenig eine Zukunft hat wie der kleine Taxibetrieb, dessen Chef zu Beginn in seinem Blut gefunden wird: Die fies kapitalistische Bank (da haben wir wieder die Glasfassaden, die uns der RBB jahrelang als typisch Berlin verkaufen wollte. Diesmal passen sie aber, weil, es gibt sie ja mittlerweile wirklich, diese Banken!) gibt nämlich einem Shoppingmallprojekt auf der anderen Straßenseite einen Kredit, und nicht dem lieben Serranoschinkengeschwisterpaar Ziska (Alwara Höfels) und Pit Zuckowski (Christian Blümel). Dieses Millieu ist klug beobachtet, und außerdem bekommt die traurige Geschwisterballade von Ziska und Pit noch einen sanft homoerotischen Unterton, das gefällt. Wobei die Milleuzeichnung eigentlich das einzige ist, was wirklich gefällt an diesem Tatort von Florian Kern (Regie) und Michael Gantenberg sowie Hartmut Block (Buch).

Das muss man leider sagen: „Alles hat seinen Preis“ ist kein guter Film. Dass der Film als Krimi ein bieder runtergedrehter Whudunit ist, dessen Auflösung (ein klassisches Familien-Langzeitgeliebte-Eifersuchtsdrama) kaum hinterm Ofen vorlockt – geschenkt, ich schaue „Tatort“ als letztes wegen des nervenzerrenden Thrilleransatzes. Aber dass die Kapitalismuskritik so billig daher kommt wie hier, in einer Zeit, in der Kritik an Bankgebahren, Gentrifizierung und Kapitalkonzentration nicht nur in Berlin auf der Straße liegt, das ärgert dann doch. Dass die Figuren zum Gotterbarmen chargieren, müsste nicht sein: Wenn ein eigentlich schön ironischer Darsteller wie Oktay Özdemir trotz einiger guter Sätze nur den Klischee-Aggro-Türken geben darf, wenn die eigentlich als Episodenstar eingekaufte Nicolette Krebitz immer nur somnambul ins Weite starren darf, dann fragt man sich schon, wo hier eigentlich die Schauspielerführung geblieben ist. Und wenn dem Drehbuch zum Themenkomplex Taxifahren-Großstadt kein anderer Running Gag einfällt als zwei Kommissare, die sich Wettrennen Fahrrad-Dienstwagen durch die baustellengeplagte Hauptstadt liefern, dann … ach, dann weiß ich auch nicht.

Aber vielleicht muss ich schon dankbar sein, dass man bei Berliner Krimis mittlerweile mitbekommt, dass sie auch wirklich in Berlin spielen. Andererseits: muss ich?

„Mit erfrischend leichter Hand und viel Sinn für Ästhetik“: Frank Rauscher auf tatort-fundus.de. „Fatalistisch dahermackernd“: Matthias Dell im Freitag. „Arg bedächtiges Requiem“: Christian Buß auf SpOn. „Der Berliner Tatort verschläft die Gegenwart“: der Wahlberliner. „Mit jeder Minute langweiliger“: der Stadtneurotiker. „Aufdringlich sozialkritisch“: Eco.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. Hatte ich noch nicht, ich war schon froh, mit Stefan Pucher etwas anfangen zu können, von wegen ultrazeitgenössicher Regie, damals, Ende der Neunziger. Außerdem war Pollesch mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden, nach seinem Studium bei Andrzej Wirth in Gießen, wie man hörte, machte er freies Theater in der hintersten pfälzischen Provinz, Frankenthal oder Pirmasens. M. aber war er aufgefallen, während des Studiums in den ausgehenden Achtzigern, als ich noch längst nicht in Gießen war.

Kurz darauf knallte mir Pollesch tatsächlich ins Gesicht, mit wildromantischen Textflächen: „Drei hysterische Frauen“ beim Praterfestival oder wie das hieß, 1998 an der Volksbühne, „Superblock“ am Berliner Ensemble, einem extrem musikalischen Text über die Klötzchenarchitektur am Potsdamer Platz, der natürlich nicht ahnen konnte, wie schlimm sich das alles tatsächlich entwickeln würde, „Heidi Hoh 3 – Die Interessen der Firma können nicht die Interessen sein, die Heidi Hoh hat“ am Frankfurter Mousonturm, ein Stück toller als das andere, großartige Schauspieler, eher sogar: Schauspielerinnen, die hochtourig schwer theoretische Textwasserfälle übers Publikum kippten, anstrengend, lustig, durchgedreht, immer wieder unterbrochen von Schreiattacken, ihr FICKSÄUE! Pollesch wurde wiederentdeckt von der damaligen Luzerner Intendantin Barbara Mundel, die Pollesch noch vom Studium kannte und ihn aus der einen Provinz Pfalz in die andere Provinz Zentralschweiz rettete. Und von Luzern aus ging es dann ganz schnell mit Polleschs irgendwie verspäteter Karriere: Als ich 2001 nach Hamburg zog, war er schon da und inszenierte am Schauspielhaus seine Soap „www-slums“.

Das war damals noch neu: die Erkenntnis, dass sich unter gut ausgebildeten, hoch mobilen, extrem anpassungsfähigen und technikaffinen, naja, Leistungsträgern eine Art intellektuelles Subproletariat herausbildete. Und vor allem, dass es ziemlich kompliziert werden dürfte, den möglichen widerständigen Charakter dieses High-End-Proletariats herauszukitzeln. Weil wir Leistungsträger der kreativen Klasse uns erfolgreich einreden ließen, dass es doch eine coole Sache sei, so ungebunden, selbstausbeuterisch, unterbezahlt zu werkeln, wie es im Künstlertum doch Usus ist! (Und weil Künstlertum das Coolste überhaupt ist, lässt sich das doch wunderbar ausweiten. Auf Journalisten, Werber, Sachbearbeiter, Busfahrer: alles Künstler! Alle glücklich, wenn sie ausgebeutet werden!) Ich fraß Pollesch-Stücke, „Smarthouse“ in Stuttgart, „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ am Hamburger Thalia, „24 Stunden sind kein Tag. Escape from New York“ an der Volksbühne, wo Pollesch bald die künstlerische Leitung des Praters übernahm, alle Stücke mehr oder weniger mit der gleichen These: Wie lässt sich, bitteschön, ein revolutionäres Subjekt konstruieren, wenn die Lebensumstände schon so entfremdet sind, dass man die Entfremdung als ganz natürlichen Zustand ansieht? Ich ignorierte, dass Polleschs politische Analyse oberflächlich blieb, in etwa auf dem Niveau Slavoj Zizeks, der ja ebenfalls mehr cool als gedanklich scharf ist, aber, hey!, was gibt es denn gegen Coolness einzuwenden? Ich ignorierte, dass Pollesch zumindest ein diskutables Autorenbild vor sich herzutragen schien, ein Autorenbild, das an einen Gottkünstler denken ließ, der seine Stücke grundsätzlich nicht zum Nachspielen freigab, weil niemand sie so gut inszenieren konnte wie der Meister selbst. (Dieses Bild wurde unfreiwillig revidiert durch den alles in allem misslungenen Episodenfilm „Stadt als Beute“, in dem Pollesch sich selbst spielte und dabei eine Art Einblick in das gab, was bei ihm Theaterproben sind: weniger ein Hinarbeiten auf eine Premiere zu, als ein kollektiver Diskurs, der sich eben nur in einer einzigen Inszenierung findet. Der Gedanke an eine Nachinszneierung dieser Stücke wäre entsprechend nicht defätistisch, aber doch ziemlich absurd.)

Spätestens ab „Fantasma“, 2008 am Wiener Burgtheater, hatte Pollesch dann seine Form gefunden: die durch den diskursiven Fleischwolf gedrehte Künstlertragödie. Der Künstler als tragischer Held des Neoliberalismus, sich fürs System aufopfernd: in „Mädchen in Uniform. Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Hamburger Schauspielhaus oder in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“ am Frankfurter Schauspiel tauchte er explizit auf, und man kam nicht umhin, hier René Pollesch zu sehen, wie er ein Stück nach dem anderen inszeniert, wie er Kritik am System übt und damit doch das System eigentlich stützt. „Ihr seid doch gar kein Chor, wie soll ich denn da eine Oper auf die Beine stellen?“, ruft Catrin Striebeck verzweifelt in der jüngsten Pollesch-Arbeit „Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!“, einer Coproduktion von Volksbühne und Hamburger Schauspielhaus. „Wir sind ein Netzwerk!“, antwortet der Chor.

Und dann fragte mich M., ob ich schon einmal ein Stück von René Pollesch gesehen hätte. M., der als Redakteur beim Gießener Anzeiger arbeitete, erst in der Kultur, dann in der Politik, schließlich im Lokalen, sobald er sich in eine Redaktion reingearbeitet hatte, wurde er versetzt, M., der perfekte Arbeitnehmer, der Künstler, der selbstausbeuterische Selbstverwirklicher.

23. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo wollte ich hier eigentlich hin? · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , ,

Ein Kreuzberg-Mädchen betritt das Café: asymmetrischer Haarschnitt, Schal, Rock, Stiefel. Das Mädchen flüstert. Über Selbstzweifel, über Gentrifizierung, über seine geplante Kunstaktion an den Berliner sophiensælen: „Es sind Objekte da, die Objekte sind sehr wichtig, genauso wichtig wie die Personen. Wir haben auch Sound, und es gibt auch Gesprochenes.“ Das Mädchen ist Anne Tismer, eine Frau von fast 50 Jahren, Mutter einer erwachsenen Tochter. Natürlich ist es nicht fair, sie als Mädchen zu bezeichnen.

Aufgabe: während eines Interviews dem Interviewten möglichst nahe zu kommen, möglichst viel innerhalb der bestenfalls 60 Minuten zu erfahren, die man mit dem Interviewten verbringt. Problem: wenn man dem Interviewten plötzlich zu nahe ist. Fürs aktuelle uMag habe ich mich mit der geschätzten, verehrten Berliner Künstlerin Anne Tismer getroffen, ein sehr gutes, sehr schwieriges Gespräch mit ihr geführt – und am Ende einen Text veröffentlicht, bei dem ich jetzt, wo ich ihn ein weiteres Mal lese, den Eindruck habe, dass mir ein wenig verloren gegangen ist, wo ich eigentlich hin wollte. Und bei dem ich irgendwie die gesunde Distanz vermissen lasse.

Was nichts daran ändert, dass ich Anne Tismer sehr, sehr toll finde.

15. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Das Ende des Konzepts Mitte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Und dann ist es eben doch recht kalt, ich habe nicht mehr allzulange Zeit, bis mein Zug geht, aus Museumsbesuchsperspektive war der Ausflug nach Berlin bislang auch eher mau, und wie von selbst stehe ich plötzlich Unter den Linden. Ich stehe also vor der Deutschen Guggenheim, eine Woche nachdem die Nachricht die Runde machte, dass dem Ausstellungsraum das Aus drohe, und auch wenn ich mir hier sonst praktisch nie etwas angeschaut habe, denke ich plötzlich: „Mensch, gehste mal rein.“

Ich habe nie verstanden, was die Deutsche Guggenheim mir eigentlich sagen wollte. Ich meine, was sollte das, ein Ausstellungsraum, der sich den schicken Namen der Guggenheim Museen auslieh, allerdings (bis auf die Tatsache, dass hier wie dort Kunst gezeigt wurde) wenig mit dem Guggenheim-Stammhaus in New York zu tun hatte? Ein ungeliebter Cousin vierten Grades der Kunstdynastie Guggenheim, ungeliebt insbesondere im Vergleich mit der Guggenheim-Dependance in Bilbao. Zum Beispiel in Bezug auf die Ausstellungsfläche: Im Baskenland stehen 11000 Quadratmeter für die Kunstpräsentation zur Verfügung, in Berlin 510. Die von den Kuratoren der Sammlung Deutsche Bank bespielt werden. Die Deutsche Bank betreibt den Raum in ihrer Hauptstadtrepräsentanz gemeinsam mit der Solomon R. Guggenheim Foundation, und diese Partnerschaft lenkt den Blick darauf, worum es hier eigentlich ging: Um Marketing, um ein Umleiten der coolen Berlin-Mitte-Kunstszene in ein schick neobürgerliches Selbstvergewisserungsding, in dem es nur noch am Rande um Kunst geht (der Museumsshop in der Deutschen Guggenheim jedenfalls kam mir immer größer vor als der eigentliche Ausstellungsraum). Dass diese Mini-Kunsthalle zum Jahresende schließt, ist entsprechend auch ein Scheitern der Idee, dass Kapital und Kunst doch eigentlich toll miteinander auskommen müssten: Die Bankmanager merkten, dass der Marketingeffekt gegen Null ging, kaum ein Besucher verband einen Besuch in dem Kunstkabuff mit der Deutschen Bank, fast alle gingen raus mit dem Gefühl, „im Guggenheim“ gewesen zu sein. Das Ende des Konzepts Deutsche Guggenheim ist in Wahrheit das Ende des Konzepts Berlin-Mitte als Kunstort.

Was nun noch gar keine Aussage über die gezeigte Kunst ist. Die (wahrscheinlich) letzte Ausstellung, die ich mir an diesem Ort anschaue, nennt sich „Found in Translation“ (Popkulturbezug, hübsch!) und will Übersetzungsprozesse nicht als Prozesse des Verlusts zeigen, sondern als Prozesse, in denen ein Erkenntnisgewinn liegt. Also: Die allgemeine Ansicht ist, dass in einer Übersetzung etwas verloren geht, ein Sinn, der sich in Kontexten festmacht, in Betonungen etwa, und nicht in einer möglichst buchstabengenauen Übettragen von der einen Sprache in die andere. „Found in Translation“ vertritt dagegen die These, dass dieser Verlust auch Raum schafft für etwas Anderes, Interkulturelles, das erst durch die Leerstelle der Übersetzung deutlich wird: „Mehr als je zuvor müssen wir überdenken, was durch Übersetzungen verloren oder gewonnen werden kann und welche Auswirkungen diese endlos erscheinenden Umwandlungen auf unsere Welt haben“, beschreibt Kurator Nat Trotman diese Wechselwirkung.

Im Ergebnis sehen wir verhältnismäßig wahllose Arbeiten von gerade schwer angesagten Künstlern wie Keren Cytter, Sharon Hayes und Brendan Fernandes. Matt Keegan lässt seine Mutter mittels Karteikärtchen englisch lernen und verdeutlicht damit idealisiserte Wertvorstellungen, O Zhang stellt maoistischer Propaganda die allumfassende Ideologie des Konsums gegenüber, das ist alles unglaublich didaktisch, unglaublich eindimensional. Wirklich spannend ist „Found in Translation“ nur an einer Stelle (an der dann tatsächlich auch etwas gefunden wird): in Siemon Allens „The Land of black Gold“. Allen stellt zwei Ausgaben von Hergés Tim-und-Sruppi-Comic „Im Reiche des schwarzen Goldes“ nebeneinander, einmal die französischesprachige Originalfassung aus den 1930er Jahren, und daneben eine englischsprachige Ausgabe rund 20 Jahre später. Allen entfernte den Text aus den Sprechblasen, wir sehen also nicht, welche Ausgabe welche ist. Aber was wir sehen ist: dass hier zwei ganz unterschiedliche Comics aufgehängt sind, nach den identischen Einstiegsbildern fallen beide Ausgaben auseinander, sind kaum noch zwei Panels die gleichen. Hergé reinigte für die internationale Veröffentlichung seinen Comic von allen politischen Bezügen.

Diese Erkenntnis ist auch nichts, was einen Nobelpreis verdienen würde, klar. Aber sie ist ein überraschdendes Schillern in dieser ansonsten so überraschungsfreien Ausstellung, sie lässt einen noch eine Sekunde länger nachdenken, ob man das hier aufgebaute Modell der Übersetzungsleistung tatsächlich richtig veranstanden hat. Und dann geht auch schon mein Zug, eine Stunde Guggenheimbesuch, Kunst für schnell mal zwischendurch.

„Found in Translation“, bis 9. April, Deutsche Guggenheim, Berlin

20. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Nicht nur in der Kölner Südstadt ein stolzer Schwuler sein · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In meinem Kopf dröhnt ein Schlager. Ostdeutsch kraftmeiernd Kraftklub nennt sich die Band, sie kommt, wie die Bandmitglieder sagen, aus Karl-Marx-Stadt, Chemnitz für uns Spätgeborene, also aus dem „Manchester Sachsens“, was bei Licht betrachtet auch nicht viel mehr ist als das Oberhausen des Ostens, also vor allem: tiefste Provinz, ganz weit hinter den Bergen. Kraftklub jedenfalls dröhnen, mit einem Song namens „Ich will nicht nach Berlin“, aber, tut mir leid, Jungs, falls ihr in diesem Business irgendwohin wollt, dann müsst ihr nach Berlin. Und ich denke an Chemnitz, und dann denke ich an Gießen, wo ich einige sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe, Gießen, aus dem nach und nach all die Menschen, die diese Jahre mit mir geteilt haben, weggezogen sind.

Im Gießener Infoladen hing ein Plakat der Aidshilfe, man sah ein schwules Paar durch eine windzerblasene Dünenlandschaft wandern, „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“ lautete der Slogan, ein kluger Slogan, der dazu animieren sollte, sich selbstbewusst Räume anzueignen, eben nicht nur in der Kölner Südstadt oder in der Schöneberger Motzstraße ein stolzer Schwuler zu sein, sondern auch in den Dünen von Jeverland (das eigentlich rein gar nichts mit dem hessischen Gießen zu tun hatte, aber okay, ländlicher Raum ist ländlicher Raum). Ich fand das Plakat damals charmant, ja, es war durchaus möglich, sich in Gießen wohlzufühlen. Und während des Studiums funktionierte das auch, alles. Nur spätestens mit dem Abschluss dünnte der Freundeskreis aus, irgendwie musste man ja Geld verdienen, und die Kleinstadt war nicht in der Lage, uns allen auch nur halbwegs ein Auskommen zu finanzieren. Irgendwann war S. weg, irgendwann war T. weg, und bald war dann ja auch ich weg. Man schaute noch nach Gießen, man sah W., wie er dort saß und Kunst machte, keine schlechte Kunst, und irgendwie dachte man: Der hat es nicht geschafft. Man sah L., wie sie dort saß und sich mit Lokaljournalismus abmühte, L. machte das gut, dachte man, und gleichzeitig dachte man: Die hat es nicht geschafft. In Gießen, da blieben die, die hängengeblieben waren, auch wenn man selbst sich gerade mal ein Stückchen weiter gehangelt hatte.

Szenenwechsel: Januar 2012.

Die Galerien der Hamburger Fleetinsel eröffnen gemeinsam die Ausstellungssaison, und die Produzentengalerie zeigt die Schau „Wechsel ist nicht Austausch“: Die Dokumentation einer Ausstellung vor 30 Jahren, als die leerstehenden Gebäude Kampnagels im Arbeiterstadtteil Barmbek abgerissen werden sollten und stattdessen von Künstlern übernommen wurden, Bogomir Ecker und Joseph Beuys beispielsweise, die ganz Großen der damaligen Szene, die für einen kurzen Augenblick eine Einheit von Stadtteilpolitik, Kunst und Geschichtsbewusstsein herstellten. Heute werden dieser Dokumentation zeitgenössische Arbeiten gegenüber gestellt, von Beate Gütschow etwa, die in den 1990ern in Hamburg studiert hatte und längst in Berlin lebt. In Berlin, wo sie ja alle mittlerweile leben. Die Ausstellung in der Produzentengalerie will etwas anderes, aber sie ist ein Stich ins Herz, weil sie den Blick auf die Tatsache lenkt, dass mittlerweile fast alle Künstler, die damals eine aggressiv-politische Hamburger Ästhetik bildeten, entweder tot sind oder aber in Berlin.

Das soll nicht heißen, dass diese Saisoneröffnung schlechte Kunst zeigt, im Gegenteil, ganz tolle Schauen sind dabei: Philipp Schewe bei Melike Bilir, wunderbare, schräg-wütende Collagen. Christian Hans Albert Hoosen bei Katharina Bittel, ein comichaft wilder Trip. Christina Zurfluh bei Mathias Güntner, dunkle, schwere Alpträume in Acryl. Es sind tolle Ausstellungen (dass auch ein paar unmotivierte Schauen dabei sind, versteht sich von selbst), aber wenn man zuerst in der Produzentengalerie war und sich dort diese nostalgische „Wechsel ist nicht Austausch“-Geschichte angeschaut hat, fällt es schwer, sich darauf einzulassen, dass hier klug Komponiertes, Heutiges gezeigt wird. Dann denkt man nur noch: Man ist hängengeblieben. Man hat es nicht geschafft. Nicht nur alle wichtigen Künstler sind in Berlin, auch alle, die sich mit Kunst beschäftigen, sind in Berlin, diejenigen, die hier tolle Ausstellungen kuratieren, das sind diejenigen, die nicht weggekommen sind. Und eigentlich könnten sie ihre Künstler auch gleich in Gießen ausstellen, ist ja egal, wohnen doch ohnehin alle in Berlin.

Man steckt ein wenig im luftleeren Raum, wenn man in Hamburg bleibt. Dass alle in Berlin sind, das liegt ja nicht nur an den sprichwörtlich günstigen Mieten in der Hauptstadt (die mittlerweile auch mehr Legende sind als Realität), das liegt vor allem daran, dass alle anderen ebenfalls da sind. Für jedes Künstlerinterview, das ich führe, buche ich mittlerweile ein Ticket nach Berlin, geht gar nicht mehr anders. Hier ruft man in die Wüste, und manchmal kommt ein Echo, das mehr ist als bloße unkreative Selbstzufriedenheit. Vielleicht ändert sich das ja auch mal, längst sind ja nicht mehr nur die Coolen in Berlin, auch die vielen, vielen Deppen zieht es ostwärts. Und bis dahin schaue ich, ob ich noch irgendwo im Internet ein vergilbtes Plakat finde: „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“. Und das hänge ich mir dann aufs Klo.

(Das Bild zeigt die kunstinteressierte Provinz in Fleetinsel-Treppenhäusern. Wen es interessiert: Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“ mit nervenzehrendem Video gibts hier.)


Auch ich habe mich durchzuschlagen versucht, frei. Also, während des Studiums ohnehin, was man ja nicht wirklich frei nennen konnte, abends auf eine Vernissage schlappen, zwei, drei Fotos knipsen, dann ein paar Sätze fabulieren, am nächsten Morgen in die Redaktion bringen und dann ab zur Vorlesung – das ist ein Nebenjob, nicht mehr. Aber nach dem Abschluss versuchte ich es tatsächlich, in dem Sinne, dass ich davon leben wollte, freier Journalist zu sein. Finanziell war natürlich ein Witz, was da rüber kam, abgemildert nur durch die Tatsache, dass man ja nicht viel brauchte, in den späten Neunzigern in Berlin. Und: Es funktionierte, irgendwie, ich bekam meine Texte durchaus los. (Allerdings auch an Läden wie die inhaltlich geschätzte junge Welt, deren Zahlungsmoral, sagen wir mal: diskutabel war.)
Irgendwie funktionierte es, für mich war das trotzdem nichts. Ich wollte dazu gehören, und als freier Journalist ist man selbstständiger Unternehmer (ha!), gehört also naturgemäß nirgendwo dazu. Ich aber sehnte mich nach dem beruflichen Austausch mit Leuten, die ähnlich dachten wie ich, ich sehnte mich nach Redaktionskonferenzen, nach Weihnachtsfeiern, nach einem Büro, einer beruflichen E-Mail-Adresse, nach einem Schreibtisch. Dazu kam, dass „freier Journalist“ klingt, als ob man ungebunden sei, nur seiner Kunst verpflichtet – in Wahrheit macht man aber vor allem Akquise. Das heißt, man ruft Redakteure an und versucht, denen die Vorstellung schmackhaft zu machen, dass man bei ihnen etwas veröffentlicht. Man putzt Klinken. Und das macht man mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein, klar, nichts würde dem Blatt so gut zu Gesicht stehen wie ein Artikel von mir! (Leute, deren Grundcharakterzug der Selbstzweifel ist, sind für solch einen Job nicht geschaffen. Wirklich nicht.)
Mit anderen Worten: Ich bemühte mich um Volontariate, ich bemühte mich verzweifelt, in eine Redaktion reinzukommen, schließlich nahm ich tatsächlich ein Arbeitsangebot an, so grauenhaft und unpassend, man mag es gar nicht erzählen. Und landete über kurz oder lang wirklich im festen Hafen, erst als Volontär, dann als Redakteur. Und da bin ich jetzt.

Ach.

Ich mache das gerne, hier, beim uMag. Ich schreibe über Themen, die mich interessieren, über Theater und über Kunst also, ich lerne ständig interessante Menschen kennen, ich mag meinen Job. Fuck Freiheit, ich bin doch frei in der Redaktion, viel freier als zu Zeiten des Freelancertums, will sagen: Ich suche mir spannende Sujets aus, und zu denen arbeite ich dann. Ist gut, wirklich. Genau so habe ich es mir gewünscht, damals, als ich verzweifelt auf der Suche nach den offenen Armen einer Redaktion war.
Aber irgendetwas stimmt nicht. Das liegt nicht an den Arbeitsumständen, die könnten, wie gesagt, nicht besser sein. Es liegt vielleicht wirklich daran, fest angestellt zu sein. Womöglich tut das meinem Journalismus nicht immer gut, er wird satt, er wird selbstgefällig. Und dann sehe ich unsere Ex-Grafikerin I., die seit einiger Zeit frei arbeitet, ich sehe, wie I. aufblüht. Und dann sehe ich Isabel Bogdan, die frei arbeitet, in einer anderen Branche zwar, als Übersetzerin, aber ich sehe auch, was für wunderbare Kolumnen sie regelmäßig schreibt, so neben dem Job und leichthändig und voller Freude am kreativen Ausprobieren. Und dann stelle ich fest, dass mir hier etwas fehlt: Ausbrüche aus dem Beruf.
Ich bastle mir Fluchten. Eine Flucht ist das hier: die Bandschublade. Ein kleiner Kasten, in dem ich eigentlich gar nicht so viel anderes mache wie im Brotjob, andererseits: mit einem Seitensprung macht man ja auch nichts wirklich anderes als im Beziehungsalltag, oder? Eine andere Flucht sind kleine, manchmal sogar unentgeltliche Jobs, die ich nebenbei mache: Es hat mir Spaß gemacht, Publikumsgespräche auf Kampnagel zu moderieren, auch wenn das vielleicht keine Sternstunden der Dramaturgie waren. Es hat mir Spaß gemacht, einen Aufsatz für ein Buch des Fotografen Christian Reister zu schreiben, auch wenn das meine professionelle Distanz ziemlich angegriffen hat. Und es hat mir vor allem Spaß gemacht, all das auszuprobieren, obwohl ich weiter im sicheren Hafen der Festanstellung blieb, also nicht verzweifelt den Honraren hinterherrennen musste. Und irgendwie frage ich mich: Ob das das allerschlechteste Modell ist? Zweigleisig zu fahren?

2011 war ein Jahr der Abstürze für mich, ein Jahr des Steckenbleibens, alles in allem: kein gutes Jahr. 2012 könnte ein Jahr des Aufbruchs sein, ein Jahr der Versuche, ein, zwei Schritte auf unsicherem Terrain. 2012 könnte ich Sachen ausprobieren, hier einen Text in einem fremden Medium schreiben, hier eine Moderation versuchen, was könnte ich noch machen? Vielleicht mal etwas ganz anderes?
2012 könnte ich Ideen entwickeln.

Länger schon überlege ich mir, ob ich etwas schreiben soll zum Themenkomplex Schwaben-Kinderkriegen-Prenzlauer Berg. Ist ja eigentlich nicht mein Thema, mal abgesehen von der Schwabensache, geht mich nichts an. Oder?
Und dann schreibe ich eben doch. Weil ich mich geärgert habe, über einen Artikel, der vor drei Wochen in der taz erschien, der taz, der ich als ehemaliger Mitarbeiter zwar nicht mehr ökonomisch aber inhaltlich immer noch verbunden bin, „Die Weiber denken, sie wären besser“ von Anja Meier. Meier besucht eine Caféwirtin im Prenzlauer Berg und lässt die reden. Über die vielen Kinder im Umfeld, über die Zugezogenen, über die Veränderung des Viertels. Gefällt ihr alles nicht, das. „Eins im Wagen, eins am Wagen, eins im Bauch, so schettern die hier die Straße runter“, spricht das wirtingewordene Ressentiment. „Gucken Se, da draußen, schon wieder zwei Rinder. Wie die aussehen!“, so gehts weiter, und, ja, als ich noch in Berlin wohnte, da gab es auch solche Sprüche, auf mich gemünzt. Allerdings nicht im Prenzlauer Berg, sondern nur in Reinickendorf, aus Rentnermund, aus dem Mund von Leuten, die was dagegen hatten, wenn jemand andere Kleidung, eine andere Frisur, womöglich einen anderen Lebensstil hatte als sie: „Wie die aussehen!“ „Is doch wirklich wurscht, ob die bei mir einkehren. Die verzehren eh nix. Sind alles Schwaben, die leiden, wenn se mehr als einsfuffzig ausgeben müssen“, da fängt es bei mir schon an, dass ich mich ärgere, denn dieses olle Schwabenbashing, das trifft mich dann doch. „Jetzt geht’s schon los, dass sie den ganzen Gethsemaneplatz begrünen wollen, also uns Händlern hier die letzten Kundenparkplätze wegnehmen wollen“, ab diesem Punkt war mir dann klar: Das ist ja gar kein echtes Gesprächsprotokoll, das ist eine Satire! Ich meine, Kundenparkplätze! So etwas wird in der taz, in meiner kleinen taz gefordert, das kann doch niemand ernst meinen! Von da an lachte ich.

Leider bringt die schönste Satire nichts, wenn sie niemand versteht. Witzereißer Dieter Hallervorden gab vor Jahrzehnten den viertellustigen Sketch „Deutsch für Türken“ zum Besten, in dem, haha!, der Satz „Der Türke packt seine Koffer!“ eingeübt werden sollte:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=t1sozxDsCrU]
Wie diese harmlose Kritik an Ausländerfeindlichkeit wirklich ankommt, liest man in den Kommentaren unter dem Youtube-Clip: „Auch ich wünsche allen Ausländern eine schnelle, glückliche und gute Heimreise“, schreibt „MrJohnDoe1959“, „Die ganze welt putzt sich mit der türkischen Flagge den Arsch, ganz besonder die Deutschen. In Deutschland putzen eh die türken die klos wo ganz EUROPA reingeschissen haben“ (sic!) stammelt „sonofMegaAlexandros“, immer wieder wird der Clip auf Naziseiten verlinkt. So ähnlich ist das auch mit dem Artikel von Anja Meier, zumindest, wenn man sich die Leserkommentare durchliest. Die eine Leserhälfte blökt Zustimmung, Genau so ist es, nö, noch viel schlimmer, mit den ganzen schwulen Drecksschwabenmüttern. Die andere Leserhälfte findet den Artikel faschistoid und droht nebenbei gleich mit Kündigung ihres taz-Abos, weil man nur dafür bezahlt, was man auch lesen will. Keiner kommt auf die Idee, dass dieser Text womöglich nicht ernst gemeint sein könnte.

Recht cool geht die Blogosphäre mit dem Thema um, im Blog Fuckermothers findet man zwar ebenfalls einen eher unreflektierten Verriss des Artikels: „Neben mangelnden Humor haben sich bislang einige (der humoristischen taz-Texte, FS) durch eklatanten Rassismus ausgezeichnet, andere durch Transphobie und Sexismus. Ein neues Glanzstück kommt nun von Anja Maier“, steht da unter dem Titel „beleidigungssatire in der taz“, aber immerhin wird zumindest in den Kommentaren noch die Frage aufgeworfen, wie real das geschilderte Millieu überhaupt sein mag. Peter Praschl erwähnt Meier in seinem Text „30. Meine Frau. Das Arschloch“ vernichtend. Und Markus rückt im Blog Nusenblaten immerhin ein paar von Meiers Vorurteilen bezüglich der Bioladen-Discounter-Verteilung im Prenzlauer Berg zurecht: „Immer dieses Prenzlauer-Berg-Bashing“.

Und was mache ich? Ich bemühe mich um eine gewisse Coolness. Ich sage: Leute, die ihren Kinderhass nicht in den Griff bekommen, sind genauso schlimm wie diejenigen, für die Kinder einen Fetisch darstellen; beide glauben, dass Kinderkriegen etwas sei, was unvorstellbar bedeutsam für die Welt ist, beide können sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Kinder etwas sind, dass man eben bekommt. Oder auch nicht. Ich lese einen Artikel auf SpOn, „Die Kinder-Lüge vom Prenzlauer Berg“ von Julia Heilmann und Thomas Lindemann, in dem das Autorenpaar darlegt, dass es überhaupt nicht stimme, dass im Prenzlauer Berg so wahnsinnig viel Nachwuchs herrsche (hätte ich auch nicht gedacht, dass ich jemals einen SpOn-Text gegenüber der taz verteidigen würde), ich nicke zustimmend, dann denke ich, nein, ganz so harmlos ist das alles doch nicht, es findet ja eine Verdrängung, eine Gentrifizierung, eine Formierung statt, im Prenzlauer Berg, und die paar Latte-Macchiato-Mütter, die es dort womöglich wirklich gibt, sind nicht unschuldig daran. Auf der einen Seite. Andererseits deuten Heil- und Lindemann aber auch an, dass das Modell „Eltern im Prenzlauer Berg“ etwas ganz anderes sein könnte, nämlich der Versuch, ein Leben zu leben, in dem die Entscheidung für ein Kind nicht gleich auch die Entscheidung gegen etwas anderes sein muss: gegen Clubgänge, gegen Promiskuität, gegen Drogen. Eltern im Prenzlauer Berg, das können auch Eltern sein, die Familie leben wollen ohne missgünstige Nachbarn, ohne Pfarrer, der das Kind früh tauft und ihm später beim Duschen zuschaut, ohne Dorf. (Ob die Latte-Macchiato-Mütter diesen Versuch nun tatsächlich leben oder ob sie ihn nicht etwa pervertieren, darüber müsste man natürlich auch noch reden.) Der Schädel dröhnt mir.

Und dann lese ich die wunderbaren Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ von OL. Und bin halbwegs ruhig.