26. November 2013 · Kommentare deaktiviert für Panzerknacker · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: ,

Ich habe ja nicht gedient. War mir immer zuwider, die Vorstellung: einen Finger krumm zu machen für diesen Staat, für das Schweinesystem, für diese Bundesrepublik Deutschland.

I got a letter from the government, the other day / I opened and read it, it said they were suckers / they wanted me for their army or whatever / Picture me givin‘ a damn / I said ’never!“

Public Enemy, Black Steel in the Hour of Chaos

Damals gab es noch Systemalternativen, wenn auch in Auflösung begriffen, ich denke aber nicht, dass mir der Kampf für diese Alternativen sympathischer gewesen wäre als der Kampf für Marktwirtschaft und Westen. Hätte mich jemand gefragt, ob ich bewaffnet gegen das System der Bundesrepublik kämpfen würde, ich hätte wohl ebenso ablehnend reagiert. Ich mochte einfach keine Soldaten. Was meine einzige Rettung vor dem Argument war, dass die Bundeswehr sicherstellen würde, dass jemand, der diesen Staat ablehnt, das auch sagen dürfe. (Es war diskurstheoretisch ziemlich fies, solche Argumenten Sechzehnjährigen an den Kopf zu schmeißen, damals im Germeinschaftkundeunterricht. Ein Staat, der es nötig hat, Sechzehnjährige mit Diskursen zu überfahren, mit denen sie intellektuell noch gar nicht umgehen können, ist nicht schützenswert, das hätte man damals dem Lehrer an den Kopf schmeißen sollen. Niemand schmiss ihm irgendetwas an den Kopf, stattdessen ging ungefähr die Hälfte meines Jahrgangs nach dem Abitur zum Bund, und die andere Hälfte diente als Zivi, so sah es aus.) Ich aber mochte einfach keine Soldaten, das schützte mich, das schützt mich heute nicht mehr, wenn ich sage: Eigentlich war es historisch gesehen schon ganz gut, dass die Rote Armee Soldaten hatte, als die Wehrmacht vor Stalingrad stand. Meine Argumente stehen auf tönernen Füßen, aber ich kann mich ja auch nicht in jemanden verwandeln, der ich gar nicht bin.

Rückblick. Irgendwann Anfang der Achtziger, eine Kaserne auf der Schwäbischen Alb. Tag der offenen Tür: Mein Vater nimmt mich mit, mein Vater, der vor Jahren seinen Wehrdienst abgeleistet hatte, damals war das ja noch nicht so einfach mit der Verweigerung, und immer wieder betonte, wie doof, wie verschenkt er diese Zeit fand. Keine Ahnung, weswegen wir diese Kaserne besuchten, vielleicht war uns einfach langweilig. Vor der Kaserne: Pazifisten, die gegen diese Feier des Militarismus Flugblätter verteilen. In der Kaserne: Panzer, Sanitätsfahrzeuge, frisch geduschte Rekruten, die alles geduldig erklären. Und der kleine Falk, der auf einem Panzer rumklettert. Der im Panzer rumklettert. Der auf einem gläsernen oder porzellanenen Gerät rumklettert. Und der plötzlich von einem Uniformierten weggerissen wird. „Pass doch auf!“, brüllt der Soldat. „Jetzt ist das Ding da kaputt!“ Ich sehe nicht, was kaputt ist, anscheinend ist das gläserne Instrument im Panzer etwas extrem Sensibles, etwas, das in Stücke geht, sobald ein Zehnjähriger drauftritt. „Weißt du, was sowas kostet?“, brüllt er, anscheinend habe ich tatsächlich etwas kaputtgemacht.

Ich habe einen Panzer kaputtgemacht.

Ich glaube, mein Vater streitet später noch mit dem Uniformierten. Wahrscheinlich kommt der ihm gerade recht, ein Soldat, so ein Typ, der meinen Vater während des Wehrdienstes anbrüllte, und jetzt brüllt mein Vater eben zurück, aber stimmt ja auch: Wenn dieser Panzer so sensibel ist, weswegen lässt man ihn dann offen stehen? Weswegen darf ich da überhaupt ran, unbeaufsichtigt? Und andererseits: Wenn Zehnjährige in der Lage sind, Panzer kaputtzumachen, wie sollen diese Panzer unseren westdeutschen Wohlstand beschützen, vor den Russen? Mein Besuch bei der Bundeswehr endet in Geschrei, wer weiß, wahrscheinlich ist das näher am Kasernenalltag als das Frischgeduschte dieses Tags der offenen Tür, ich jedenfalls will da nicht nochmal hin, und ich gehe da auch nicht nochmal hin. Einmal noch zur Musterung.

Und dann nie wieder.

I got a letter from the government the other day.
I opened and read it; it said they were suckers.
They wanted me for the army or whatever,
Picture me given‘ a damn – I said never!
Here is a land that never gave a damn
About a brother like me and myself, because they never did.

(Public Enemy, Black steel in the hour of chaos, 1989)

Ich habe nicht gedient. Dass ich ausgemustert wurde, da bin ich nicht stolz drauf, vor allem, weil die Ausmusterung in erster Linie auf Grund einer Sexualmoral passierte, die schon damals überkommen war, einer Sexualmoral, von der ich allerdings profitieren konnte. Die Nachgeborenen können das vielleicht nicht verstehen, aber damals gab es für junge Männer gerade mal die Möglichkeit, zwischen Zivildienst und Bundeswehr zu wählen (wobei rechtlich diese Wahlmöglichkeit gar nicht existierte, man war juristisch gezwungen, zum Bund zu gehen, die Gewissensentscheidung, lieber Zivildienst zu machen, wurde nur starfrechtlich nicht verfolgt, in Ordnung war sie deswegen noch lange nicht). Die meisten meiner Mitschüler hatten solche Gewissensgründe, okay, die meisten Coolen, die meisten Netten. Die gingen ins Altersheim oder in die Behindertenwerkstatt, einer ging zum Bund für Umwelt und Naturschutz, über den witzelten wir, „Haha, Martin macht Zivi beim Bund!“
Die meisten Netten, die meisten Coolen fanden meine Ausmusterung scheiße. Auf die Schultern klopften mir die Arschlöcher, die schnell ihr knappes Jahr Bundeswehr runterrissen, um dann holterdipolter ins BWL-Studium zu jagen, panisch, weil ihnen ein Jahr gestohlen worden war, beim Rattenrennen. Mir war dieses Schulterklopfen unangenehm, sie dachten, ich wäre auf ihrer Seite. Die Bundeswehr, das war damals kein Dienstleistungsunternehmen, geschaffen, um die Interessen der deutschen Wirtschaft mit Waffengewalt durchzusetzen, das war eine pädagogische Einrichtung, ein Ort, an dem junge Männer aufs Vaterland eingeschliffen werden sollten, und die Arschlöcher sahen keine Möglichkeit, diesem Zwang zu entgehen, also wollten sie ihn so schnell und stumpf wie möglich hinter sich bringen.
Zivildienst war in meinen Augen nur eine Variante dieser pädagogischen Einrichtung. Zivildienst, Bundeswehr, hier wie dort sollte man sich selbstlos in den Dienst des Landes stellen, hier mit Gewehr, dort mit Windeln in der Hand. In den Dienst eines Landes, das ich von Herzen verachtete, Deutschland, frisch wiedervereinigt und besoffen vor Freude, Doitschland, reaktionäres und korruptes Kohl-Regime, keinen Finger krumm machen wollte ich für dieses Drecksland, dieses Drecksvolk. Deswegen hielt ich die Kritik der Netten aus, deswegen hielt ich das Schulterklopfen der Arschlöcher aus: weil ich tief in mir wusste, dass ich doch das richtige machte (wenn auch mit falschen Mitteln, unter Ausnutzung einer eigentlich abgelehnten Moral. Egal. Ich war kein Märtyrer, der als Totalverweigerer in den Knast gehen wollte, ich wollte einfach nur nicht Deutschland dienen).

Die Schwarz-gelbe Koalition macht, was Rot-Grün nicht einmal versucht hat: Sie schafft die Wehrpflicht ab. Der von mir herzlich gehasste Starverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schon vor einem halben Jahr im Spiegel:

Faktisch wird sie (die Wehrpflicht, F.S.) in zehn Jahren wohl abgeschafft sein. Bei einer hochprofessionellen, bestens ausgerüsteten und flexiblen Einsatzarmee haben Sie kaum noch die Kapazitäten, Rekruten auszubilden.

Mit anderen Worten: In zehn Jahren werden junge Männer nicht mehr in meiner Situation sein. Sie können sich für eine Berufslaufbahn als bezahlter Schützenkönig in Afghanistan (oder wo immer die deutsche Wirtschaft gerade Interessensdurchsetzer braucht) entscheiden oder sie können sich gleich ins Bachelor-Studium stürzen, damit sie mit spätestens 22 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, als stille Reserve, die dazu dient, das Selbstbewusstsein unter Arbeitnehmern möglichst klein zu halten. Was es dann allerdings nicht mehr gibt: Zivildienst. Sozialverbände, Kirchen und kulturelle Institutionen als hauptsächliche Nutznieser der Zivis sind (mit gutem Grund) entsetzt, fielen damit doch unzählige billige Arbeitskräfte weg. Sicher, man könnte an ihrer Stelle reguläre Mitarbeiter einstellen, nur sollten die eben auch regulär bezahlt werden, und da haben die Träger plötzlich gar kein Interesse mehr dran, Heuchler, die sie sind. Also jammern sie.
Worauf Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plötzlich behauptet, dass der Zivildienst (der mittlerweile nicht mehr so heißen darf, weil der Zivildienst ja mit der Wehrpflicht abgeschafft wird) unglaublich wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sei, Kristina Schröder, deren Parteifreunde Zivis noch vor ein paar Jahren als verweichlichte Drückeberger beschimpft haben. Auf jeden Fall wirbt Schröder jetzt für einen Freiwilligendienst, der auch Älteren offen stehen soll, der ganz toll die Persönlichkeit bilden soll, der nicht zuletzt entlohnt werden soll mit dem atemberaubenden Betrag von höchstens 324 Euro monatlich. Die Arschlöcher, die nur möglichst schnell einen letzten Krümmel vom Karrierekuchen abbekommen wollen, spricht sie damit natürlich nicht an. Die Waffennarren, die unbedingt mal scharf schießen wollen, auch nicht. Und schließlich auch nicht diejenigen, die die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber verstehen. Wen sie aber anspricht, das sind die Leute, mit denen ich immer gut konnte. Die Leute, die glauben, dass ein freiwilliges Pflichtjahr ihrer Persönlichkeit gut tun dürfte. Die Leute, die glauben, dass nach Studium oder Ausbildung ohnehin nur die Arbeitslosigkeit auf sie wartet, weswegen sie die Zeit gerne mit einer unterbezahlten Tätigkeit füllen. Und die Leute, die glauben, dieses Volk hätte irgendwo einen Dank verdient, dieses Volk, Deutschland, hätte verdient, dass man ihm ein Jahr lang dient, demütig. Die Leute, die nichts dabei finden, Krankenpflegern, Hausmeistern, Hilfskräften den Job wegzunehmen.

Die Leute, die nicht merken, wie sie das System aus seiner Verantwortung entlassen: aus der Verantwortung, jedem Alten, Kranken, Armen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Danke auch.