Sophia Thomalla hat die Bandschublade gerettet. Okay, nicht wirklich, dieses nette, kleine Blog gäbe es auch ohne Sophia Thomalla. Aber von wegen Besucherzahlen war der Juni ein extrem schlechter Monat, was ich darauf zurückführe, dass alle Welt in der Sonne saß und nicht doof rumgoogelte, um dann auf der Bandschublade zu landen. (Sonne? Wo?) Es wären aber noch viel weniger hier gelandet, hätte es nicht zur Monatsmitte einen unglaublichen Run mit Suchanfragen gegeben, die in etwa so lauteten:

1. „sophia thomalla brust“, dicht gefolgt von „sophia thomalla titten“, „sophia thomalla busen“, „sophia thomalla brüste“, „sophia thomalla oberweite“, insgesamt rund 150 Queries. Was soll ich dazu sagen: Ja, Sophia Thomalla hat Brüste, wie wir alle wissen. Der Artikel, auf dem die ganzen Besucher am Ende landeten, hatte allerdings wenig mit diesen Brüsten selbst zu tun, sondern vor allem mit deren medialer Rezeption (außerdem war er auch schon vom April). Trotzdem, ich freue mich natürlich über Besuch.

2. „ficksäue“, immerhin auch stolze 17 Anfragen. Ich war ja immer der Meinung, das sei eine originäre Wortschöpfung von René Pollesch, weswegen ich auch die Kritik eines Stücks von besagtem Regisseur und Autor mit „Pollesch, ihr FICKSÄUE“ betitelt habe. Erst später habe ich erfahren, dass es auch eine Pornoserie mit diesem schönen Namen gibt. Ob die meisten Leser wohl nach Pollesch-Interpretationen gesucht haben, als sie „ficksäue“ googleten? Ich zweifle.

3. „devid striesow schwul“. Kam recht häufig, diese Anfrage. Keine Ahnung, da habe ich nie etwas drüber geschrieben, aber soweit ich weiß, hat dieser von mir durchaus geschätzte Schauspieler Frau und Kind. Aber das muss ja nichts heißen.

4. „tod eines handlungsreisenden klausner“. Wow, da wollte wohl wirklich jemand etwas über besagte Inszenierung am St.-Pauli-Theater erfahren! Ich verweise auf meine Besprechung auf der Nachtkritik.

5. „gut aussehende sexy junge schwule jungs küssen“. Da wünsche ich viel Spaß bei.

6. „sex – arabische brille“. Ich bin sowas von naiv, ich hatte ja keine Ahnung. Die arabische Brille ist, wenn ein Mann seinem Partner beziehungsweise seiner Partnerin, also: der aktive dem passiven Part die Hoden auf die Augen legt. Fertig. Was das bringen soll? Keine Ahnung, aber man muss auch nicht alles verstehen. Wer weiß, was die „Petersburger Schlittenfahrt“ ist? Das immerhin hätte ich beantworten können, wurde aber nicht gefragt.

29. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wir sind Loman · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks‘ Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.