08. November 2014 · Kommentare deaktiviert für Revolution · Kategorien: Cat Content · Tags: , , ,

Am 9. November 1989 rief ich „Wir sind das Volk!“ Was pathetischer klingt als es war: Am 9. November 1989 hatte die Oper „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem nach Georg Büchner Premiere am Ulmer Theater, und ich stand als Statist auf der Bühne. Ich durfte revoltieren, „Wir sind das Volk!“, und zwei Stunden später durfte ich jubeln, als die Guillotine Dantons Kopf abtrennte, die Revolution hatte ihre Kinder gefressen.

Die Wiedervereinigung hingegen war mir egal, nein, sie war mir unsympathisch, mir war damals schon klar, dass das alles ein Aufwallen nationaler Besoffenheit zur Folge haben würde, und, ja, das hatte es dann ja auch: Hoyerswerda, Lichtenhagen. Als ich ein Jahr später auf Sprachaufenthalt in Irland war, wurde ich im Landeskundeunterricht nach der Wiedervereinigung gefragt, und ich erzählte, dass das eine üble Geschichte sei, die in Deutschland niemand wolle. Kinder, glaubt keiner Oral History.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden gemacht, mit dem größeren Deutschland, das mir im Grunde den Buckel runterrutschen kann, ich bin kein Deutscher, ich bin, wahrscheinlich, Nordeuropäer, so. Ich finde es schön, in kurzer Zeit von Hamburg aus in Mecklenburg zu sein, ich mag die menschenleere Landschaft, ich mag die Ostsee, ach, ich habe ja sogar auf dem Darß geheiratet, ohne Wiedervereinigung hätte das nicht funktioniert, also, ist alles gut. Ich hätte wahrscheinlich Katrin nicht kennengelernt, die aus Brandenburg nach Hamburg zog, es ist gut. Feiert schön, ich freue mich mit für euch.

Aber das Volk bin ich nicht.

04. Oktober 2011 · Kommentare deaktiviert für Aufwachen und den Bodden sehen · Kategorien: Cat Content · Tags: , , , , ,

Dieses Meer ist kein Meer. Dieses Meer ist ein Bodden, Brackwasser, ein Teil Salz-, ein Teil Süßwasser. Dieses Meer hat keine Gezeiten, keine Dünung, keine Schlünde, dieses Meer ist ein bis drei Meter tief, ist schlammig und fischreich. Kaum Schiffe, mal ein Schlauchboot, mal eine alte Yacht aus den 60ern, eine Yacht aus der DDR, mal eines der speziellen Fischerboote, ein Zeesboot, kaum Tiefgang, zieht ein Schleppnetz über den Boden (über den Boddenboden, hihi). Eine Handvoll Häfen, eigentlich: kleinste Unterbrechungen im Schilfgürtel, minimalst befestigte Hafenbecken, heute legt ohnehin niemand mehr an. Dieses Meer ist verzaubert.

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Diese Insel ist keine Insel. Es ist eine Halbinsel, nein, es sind drei Halbinseln, miteinander verwachsen, an ihren schmalsten Stellen jeweils nur ein paar hundert Meter breit. Auf der einen Seite Bodden, auf der anderen offene See, naja, offene Ostsee halt. Auch die nur ein Gewässer, aber immerhin. Die Ostsee tut, was sie kann, sie glänzt sommerlich, wo doch schon Oktober ist, ihr Strand ist warm, nackte, kleine Kinder lachen, und einmal kommt sogar ein Eismann auf einem Elektrocar vorbei. Ein paar Leute sind auch im Wasser, Männer meist, schon etwas ältere, sehr, sehr dünne Männer, sie schwimmen prustend lange Strecken, wahrscheinlich trinken sie nie Alkohol, essen nie fett und werden 100. Eine Frau schwimmt ebenfalls, sie schwimmt sehr weit raus, fast sehe ich sie nicht mehr, ich mache mir Sorgen, aber unendlich langsam taucht sie wieder auf. Die Ostsee ist friedlich heute, das ist der Preis für das gute Wetter: Es gibt kein echtes Meeresrauschen, nur eine leichte, kaum spürbare Dünung, ein ganz klein wenig stärker als drüben im Bodden.

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Ein paar Meter entfernt liegen zwei Frauen im Sand. Die Dunkelhaarige steht auf, geht ins Wasser, die Blonde schläft, eine, zwei Minuten. Dann schreckt sie auf, schaut aufs Meer, weit draußen, auf einer Sandbank, auf der man fast trockenen Fußes stehen kann, umarmen sich die Dunkelhaarige und eine dritte Frau, küssen sich, halten einander an den Händen. Die Blonde schaut, dann holt sie eine Kamera aus ihrem Rucksack, eine Kamera mit riesigem Objektiv. Erst macht sie Fotos von den Beiden auf der Sandbank, dann stochert sie mit den Zehen ein wenig im Sand, schließlich kommen die zwei Frauen zurück. Kurz sprechen die drei miteinander, dann legen sich die zwei von der Sandbank hin, die Blonde bleibt am Meer stehen, schaut auf ihre Füße, ins Wasser, versucht noch ein paar Fotos.

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120000 Kraniche, mindestens. Mehr als meine Heimatstadt Einwohner hat. Meine little big City Ulm, ein Kranichulm schwebt hier ein, auf dieser Insel, die keine Insel ist, frisst sich drei, vier Wochen auf den Feldern voll und zieht weiter, Richtung Afrika. Kranichulm schwebt kreischend über unserem Ausflugsboot, ein Schwarm, noch ein Schwarm, meine Güte, wie viele.

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Aufwachen und den Bodden sehen. Noch einmal einschlafen.

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Isabel Bogdan, übrigens, war auf einer richtigen Insel, im richtigen Meer (zum ersten Teil ihres lesenswerten Berichts geht es hier). Die gönne ich ihr.