20. Mai 2012 · Kommentare deaktiviert für Nur Verlierer · Kategorien: Kiste · Tags: , , , , , , ,

Angesichts dessen, wie begeistert ich allwöchentlich „Tatort“-Rezensionen poste, mag dieses Bekenntnis überraschen, aber: Eigentlich ist mir die „Polizeiruf 110“-Reihe der liebere Wochenendausklang. Die formalen Grenzgänge aus München, die harten Rostocker Krimis, die kaputte Menschen in einer kaputten Welt zeigen, die Filme aus einem Brandenburg, das hier als einziger, undefinierter Dorfraum gezeichnet wird – toll. Wobei meine Liebe zum „Polizeiruf“ natürlich eine Liebe ohne Zukunft ist: „Polizeiruf 110“ ist anscheinend in der Fernsehkrimi-Hierarchie recht weit unten angesiedelt, weswegen kaum ein ARD-Sender sich den noch leistet. Der Hessische Rundfunk ist längst ausgestiegen, obwohl ich dessen erotische Rotweinträume aus Bad Homburg ganz originell fand, dito der WDR, der seine hochironischen Provinzkrimis durch seinen schwer klamaukigen Provinz-„Tatort“ aus Münster ersetzte, dunkel erinnere ich mich, dass es einst sogar einen „Polizeiruf“ aus Österreich gab, vorbei. Keine Ahnung, wie lange der Bayerische Rundfunk seine großartigen Münchner Krimis noch unter dem Label „Polizeiruf 110“ vermarktet, angeblich gibt es ja auch dort Absatzbewegungen.

Kein Grund, den „Polizeiruf“ gut zu finden, sind in der Regel die Krimis aus Halle, verantwortet vom MDR, der bekanntermaßen auch die doofsten Beiträge zur „Tatort“-Reihe beisteuert. Die Krimis aus der Saalestadt sind, das muss man leider sagen, betuliche, konstruierte Whodunits, meist erbarmungswürdig gespielt, gedreht in einer Filmsprache, mit der ein Regisseur sich schon vor 20 Jahren bei „Derrick“ blamiert hätte. Der „Polizeiruf 110: Bullenklatschen“ allerdings geht einen Schritt weiter: Thorsten Schmidt (Regie) und Matthias Herbert beweisen, dass ästhetische Altbackigkeit Hand in Hand geht mit einer stockreaktionären Handlung.

Als hätte die Diskussion um Gentrifizierung und Stadtumwandlung nicht während der vergangenen Jahre ins Bewusstsein gebracht, dass Widerstand gegen die Kommerzialisierung des Stadtraums kein genuin linkes Anliegen, sondern auch weit in linksbürgerliche Kreise anschlussfähig ist, wird hier ein Polizist auf einem gentrifizierungskritischen Hoffest erschossen, und die anwesenden Verdächtigen sind durch die Bank Klischeeautonome, biersaufende, irotragende Doofnasen, die geil aufs „Bullenklatschen“ sind und ansonsten stumpf halbverdaute Kapitalismuskritik absondern. Die der gute Polizist natürlich problemlos kontert: „Du bist gar nicht alt genug, um zu wissen, was ein Unrechtsstaat ist!“, blafft Kommissar Schneider (Wolfgang Winkler) den Hauptverdächtigen (Sergej Moya) an, klar, der Demokratiefeind steht links, was vielleicht aus der Ost-Biografie des Kommissars verständlich ist, geäußert in der Nazihochburg Sachsen-Anhalt aber doch ein wenig übel aufstößt. (Außerdem, lieber MDR, Glückwunsch zur Chuzpe, solch einen Satz zu bringen, drei Tage, nachdem der Rechtsstaat in Frankfurt beim Auflösen der Blockupy-Proteste sein wahres Gesicht zeigte.) Doch, dieser Krimi ist zum Kotzen.

Am Ende war der Mörder natürlich keiner der Ultraautonomen, so leicht macht es sich dieser Krimi (dessen Drehbuchaufbau, das ist dann gleich nochmal eine Ecke perfider, das sonstige Halle-Niveau im Grunde übersteigt), dann doch nicht. Am Ende ist der Mörder ein armes Schwein, das eigentlich nur helfen wollte. „Warum?“ fragt dessen Freundin unter Tränen, und man möchte eine Antwort finden, bloß, die einzige Antwort, die man findet, ist: „Hättet ihr euch eben nicht unter Autonomen rumgetrieben!“ Man möchte ins Kissen beißen.

„Alles Verlierer!“ rekapituliert Kommissar Schmücke (Jaecki Schwarz) die Protagonisten dieses finsteren Machwerks. Immerhin: Der MDR plant, Schwarz und Winkler demnächst in den Ruhestand zu schicken und die Hallenser Polizeiruf-Dependance zu schließen. Vielleicht gibt es Hoffnung.

(Olle Ost-Cops: Christian Buß auf SpOn. Hölle an der Saale: Matthias Dell im Freitag.)

18. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Eingeschlagene Schädel · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Heute abend gibt’s keine Sonntagabendkrimi-Rezension. Weil heute abend ein MDR-Polizeiruf kommt, aus Halle, „Raubvögel“, und das ist, nach allem, was man vorab gehört hat und was man von den Hallenser Krimis kennt, zu betulich für mich, tut mir leid.

Ich nämlich habe mich vom Betulichen konsequent wegbewegt. Ich gehe auch nur noch ins Kino, wenn das Blut meterweit spritzt, und DVDs leihe ich mir ausschließlich dann aus, wenn sie ohne Altersfreigabe sind (aber „strafrechtlich unbedenklich“ sollten sie schon weiterhin sein, da bin ich ein Schisser). Was natürlich nicht stimmt, zuletzt war ich im Kino in Petzolds „Barbara“, da ist kein einziger Blutstropfen zu sehen, und trotzdem fand ich den Film ganz toll. Aber „Barbara“ ist ja auch Kunst, da sehe ich drüber hinweg, wenn es gesittet zugeht – will ich mich aber unterhalten, dann spritzt und splattert es gerade gehörig. „Verdammnis“, ein Schauer. „Drive“, ein Zittern. Vorgestern „Headhunters“, ein norwegischer Film, der zum einen Auge reinlaufen würde und zum anderen wieder raus, würde dieser Film nicht gehörig unterhalten. Unter anderem mit dem Erschrecken davor, was gleich wieder heftiges zu sehen ist, eine Folterszene, ein eingeschlagener Schädel.

Gewalt im Kino fasst mich an, immer noch – und dieses Anfassen ist nicht unspannend. Gewalt fasst mich deutlich heftiger an als expliziter Sex, das ist interessant, weil (zumindest hier, in der westlich geprägten Kultur) eine Erektion immer noch eher Zensoren auf den Plan ruft als ein rausgerissenes Auge, und da fragt man sich natürlich schon: weshalb?

(Im realen Leben lehne ich Gewalt übrigens ab. Ganz grundsätzlich und ohne Diskussion.)