26. Juli 2013 · Kommentare deaktiviert für Springer und ich · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , ,

Natürlich habe ich ein Problem mit der Springerpresse, immer schon. Politisch, als Linker. Medienästhetisch, als Journalist. Ökonomisch, als jemand, der in Hamburg Printmedien macht und mit Schrecken sieht, welche Verheerungen Springer hier im Tageszeitungsbereich zu verantworten hat. Theoretisch weine ich keinem Springermedium hinterher, wenn es über die Wupper geht, praktisch natürlich schon, weil: Bei Springer arbeiten Kollegen, die auch nichts anderes machen als (unter wahrscheinlich alles andere als guten Bedingungen) ein halbwegs akzeptables Produkt herzustellen. (Ausnahme: die Leute, die bei Bild und B.Z. arbeiten. Das sind nicht meine Kollegen.)

Und doch haben mich die gestern veröffentlichten Meldungen schockiert: dass Springer all seine Printmedien mit Ausnahme der Bild-Gruppe und der Welt verkauft, an die seit ihrem Umgang mit der WAZ-Gruppe nicht gerade gut beleumundeten Mediengruppe Funke. Das hat mich vor allem deswegen schockiert, weil es bedeutet, dass auch die beiden Tageszeitungen Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost nach Essen zu Funke verkauft werden. Bei der Morgenpost ist das weniger schlimm, Berlin hat mit Tagesspiegel und Berliner Zeitung noch zwei weitere, qualitativ ohnehin über der Morgenpost stehende, bürgerliche Tageszeitungen am Start, Hamburg aber hat außer dem Abendblatt – nichts. (Das Boulevardblatt Mopo und die minimale Lokalausgabe der geschätzten taz kann man bei aller Liebe nicht voll zählen.)

Wir, die schöne, kluge Frau und ich, haben das Abendblatt in einem Akt der irgendwie leidenschaftslosen Hassliebe lange Jahre gelesen. Das war, naja, eine Lokalzeitung, Lokalpolitik, Klatsch und Tratsch, bisschen viel Nähe zur Wirtschaft. Nicht besser, nicht viel schlechter als Lokalzeitungen, wie sie täglich überall in diesem Land erscheinen, man musste das nicht mögen, man musste aber auch nicht so hämisch lästern wie all die ach so coolen, weltoffenen Verächter einer Form des Journalismus, der tagein, tagaus zwischen Passau und Flensburg praktiziert wird. Die Abendblatt-Macher konnten schon was, gerade im für mich wichtigen lokalen Feuilleton: Da gab es hoch ironische Klassikberichterstattung von Joachim Mischke, szenenahe Popkultur von Birgit Reuther, besserwisserische aber eben auch kenntnisreiche Tanzkritiken von Klaus Witzeling. (Und es gab natürlich auch den eitlen Konservatismus einer Armgard Seegers, klar, muss man nicht verschweigen.) Blöde war das Abendblatt vor allem in der für eine Lokalzeitung so ungemein wichtigen Lokalberichterstattung: immer nur „Hamburg, schönste Stadt der Welt“, immer nur Michel und Hafen, immer nur pro bürgerlicher Lebensentwurf. Wie sehr diese Berichterstattung ideologisch motiviert ist, ist mir klar, seit wir die taz abonniert haben: Das Abendblatt lässt im Lokalen bewusst Themen unter den Tisch fallen, und zwar konsequenter als es für die grundsätzlich konservative Grundhaltung der Zeitung nötig wäre. Alles was im Bereich Wohnungsnot eine andere Position als die der Grundeigentümer vertritt, findet im Abendblatt beispielsweise nicht statt, genauso wenig wie Kritik an der Hafenwirtschaft oder das Thematisieren der speziellen hanseatischen Provinzialität. (Ganz zu schweigen von der Rolle, die das Abendblatt einst bei der Installation der unseligen CDU-Schill-Regierung gespielt hat.) Eine Lokalzeitung aber, die all diese Themen nicht behandelt, bei der muss man schon fragen, wer sie überhaupt braucht.

Und doch, wenn das Abendblatt erst in der Funke-Bedeutungslosigkeit und später ganz vom Markt verschwunden ist, wird es mir fehlen. Schlicht, weil es keine Alternative gibt. Manche schöpften bei den gestrigen Nachrichten ja ein wenig Hoffnung: Wenn Springer sich vom Hamburger Markt zurück zieht, dann hieße das ja vielleicht, dass Platz würde für wirklich gut gemachten Lokaljournalismus. Ich aber glaube das nicht. Springer ist ja nicht naiv. Die gehen einfach davon aus, dass sich in naher Zukunft kein Geld mehr mit Lokaljournalismus verdienen lässt.

Egal, ob er gut gemacht ist. Oder nicht.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Journalisten, die nichts mehr zu schreiben haben, finden immer noch einen Platz in einer Diskussionsrunde.

Und dann sagt Volker Lilienthal, der Gott des investigativen Journalismus, dann jedenfalls sagt Professor Volker Lilienthal, dass der Journalismus in Deutschland noch nie so gut gewesen sei wie momentan. Und dass man sehr guten Journalismus auch ganz ohne Bezahlung machen könne. Und ich murre, irgendwie murrt das gesamte Publikum, Kunststück, das Publikum beim taz-Salon „Zukunft der Zeitung“ besteht wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Journalisten, und die finden es alle nicht so besonders lustig, wenn da auf dem Podium jemand sagt, dass man Journalismus auch ohne Bezahlung machen könne. Zumal neben ihm auch noch Isabella David sitzt, Chefredakteurin des Online-Magazins Mittendrin, die ja tatsächlich unbezahlt arbeitet, und die Arbeit, die sie abliefert, ist nicht die schlechteste. Zumindest murrt niemand als David auf die Frage antwortet, weswegen sie das denn mache, deswegen nämlich: weil sie unzufrieden sei mit der Berichterstattung der Springer-Zeitung Hamburger Abendblatt über Hamburg-Mitte, niemand murrt, alle nicken wissend. Ja, es ist gut, dass da jemand was macht, und wenn es auch für lau ist.

Und so einfach ist das ja alles nicht. Die klare Ansage des arbeitnehmenden Journalisten, „Arbeit muss bezahlt werden, und wenn die Arbeit nicht bezahlt wird, dann wird sie nicht gemacht“ in Ehren, aber: Was, wenn sich gar niemand daran stört, wenn wir unsere Arbeit nicht machen? Wenn wir verschwinden, und kaum jemand vermisst uns? Es ist ja schlicht so: Kaum noch jemand ist bereit, für Journalismus zu bezahlen, egal ob über Anzeigen, ein öffentlich-rechtliches Medienmodell oder den Copypreis. Wo also soll die Bezahlung herkommen? Und sollte man den Kram nicht besser gleich hinschmeißen?

Und ich: Weswegen mache ich das eigentlich, in meiner kleinen Nische? Ökonomisch mache ich es, um ein passendes redaktionelles Umfeld für Anzeigenschaltungen zu schaffen, jeder Journalist, der etwas anderes behauptet, lügt sich selbst in die Tasche, nur: Das ist der Grund, weswegen ich es mache, um ein tragfähiges Wirtschaftsmodell zu haben, aber es ist nicht der Grund, weswegen ich es überhaupt mache. Ich mache es überhaupt, um einen Diskursraum zu schaffen: Ich halte es für wichtig, dass Kunst und Kultur reflektiert werden, und für diese Reflexion sind die Kulturressorts der Medien ein Ort. Ich glaube nicht, dass sie der einzige Ort sind, sollten die Medien irgendwann alle den Bach runter gehen, muss sich der Diskurs andere Orte suchen, und wenn man dem ebenfalls auf dem Podium sitzenden taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch glauben kann, dann wird das bald sein: Ruch nimmt an, dass es in fünf Jahren keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird. Das war es dann also, mit meinem geschätzten Diskursort. Ich bin gerne behilflich bei der Suche nach einem neuen Ort, ich würde diesen Ort auch gerne pflegen, nur, irgendwie muss ich auch meine Miete bezahlen. Falls jemand da eine Idee hat – ich wäre offen für Vorschläge. (Markus Beckedahl hat ein paar Varianten für netzpolitik.org durchgerechnet, ist eine andere Baustelle, schon klar.)

Der Tod jedenfalls ist gar nicht so schlimm. Auf dem Podium saß schließlich noch Stefan Weigel, ehedem stellvertretender Chefredakteur der kürzlich eingestellten Wirtschaftszeitung Financial Times Deutschland – und machte Hoffnung. Ja, die FTD gibt es nicht mehr. Aber es gibt weiterhin so kluge, hellsichtige, eloquente Denker wie Weigel. Die brauchen nur einen neuen Diskursraum, aber wer sagt, dass das eine Zeitung sein muss?

Der Makler ist traurig. Weil nämlich die Hamburger wunderschöne Wohnungen leerstehen lassen würden, undankbar seien sie, weil sie seine Angebote verschmähen. Steht so zumindest im Hamburger Abendblatt, dem Zentralorgan der Immobilienbesitzer, dem Angstschürer vor Hausbesetzern und Mietnomaden. „Es gibt in Hamburg eine Reihe von Stadtteilen, in denen trotz guter Lage und eines guten Zustands eine Wohnung nicht ohne Weiteres vermietet werden kann“, wird Jens-Uwe Meier, Geschäftsführer der Richard E. Meier GmbH, in einem langen Artikel von Oliver Schirg zitiert: „Schöner wohnen in Billstedt. In weniger schicken Stadtteilen sind die Mieten noch bezahlbar – doch viele Interessenten gehen bei der Lage keine Kompromisse ein“. Der arme Makler.

Wohnen in Hamburg ist teuer. Und, klar, wenn ich wenig Geld habe, kann ich mir nichts allzu Teures leisten. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Urlaub auf den Malediven, sondern fahre in den Harz. Wenn ich wenig Geld habe, leiste ich mir keinen Maßanzug, sondern kaufe von der Stange. Wenn ich wenig Geld habe, ernähre ich mich nicht vom Biomarkt, sondern kaufe Eier aus Käfighaltung im Discounter … Äh? Stopp! Mache ich das wirklich? Ist es vertretbar, dass man Leuten mit wenig Geld ins Gesicht sagt: Dann ernährt euch halt von Müll?

Das ist das Gemeine an Schirgs Artikel, das ist das Gemeine an der Maklerargumentation: dass etwas essentiell Lebensnotwendiges wie Wohnen zum Luxus umgedeutet wird, auf den man im Zweifel auch verzichten kann. Aber ist es wirklich ein Luxus, wenn man sich aussucht, wo man wohnt? Wenn man sagt: Tut mir leid, ich will aber nicht in Billstedt wohnen? (Nichts gegen Billstedt, übrigens.) Wenn man womöglich noch einen Schritt weiter denkt? Wilhelmsburg, die übel beleumundete Elbinsel mit Coolnesspotenzial etwa, wäre für mich als Wohnort durchaus eine Option gewesen. Für mich, der ich halbwegs okay verdiene, halbwegs gut ausgebildet bin. Nur sind die halbwegs okay Verdienenden, die gerade nach Wilhelmsburg ziehen, die Vorhut der Gentrifizierung, das sollte man mitdenken, wenn man den Leuten vorwirft, nicht nach Wilhelmsburg ziehen zu wollen. Nichts davon steht in Schirgs Artikel, im Gegenteil:

Der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes in Hamburg, Heinrich Stüven, macht den geringen Bekanntheitsgrad vieler Stadtteile dafür (dass alle nur in den angeblich angesagten Vierteln wohnen wollen, F.S.) verantwortlich und rät Wohnungssuchenden, sich auch „derzeit nicht so angesagte Stadtviertel“ genau anzuschauen. Bestes Beispiel sei Wilhelmsburg. „Mit ihren vielen Kanälen und Wasserflächen ist die Elbinsel ein attraktiver Standort zum Leben.“

Es ärgert mich. Weil solche Artikel nichts anderes sind als Vorwürfe an mich: „Du bist zu anspruchsvoll!“ „Wer bist du denn, dass du dir einbildest, Wünsche formulieren zu dürfen?“ „Was für ein bürgerliches Würstchen, ist sich zu fein, nach Wilhelmsburg zu ziehen!“ Vorwürfe von Leuten, die in ihrem Leben noch nie in Wilhelmsburg waren. Weil das natürlich vollkommen unter ihrer Würde ist.

Schirg zitiert Patrick Joerend, Geschäftsführer der Privatgrund Haus- und Grundbetreuung GmbH: „Wenn Haltestellen von Bus oder Bahn zu weit entfernt liegen oder es in erreichbarer Nähe keinen Supermarkt gibt, dann wird es schwierig.“ Ja, was fällt den Leuten denn ein, wollen auch noch eine Bushaltestelle in erreichbarer Nähe! Sollen sie doch Auto fahren, als ob einem das nicht zuzumuten wäre! (Dass die ach so günstige Wohnung nahe der Fischbeker Heide plötzlich gar nicht mehr so günstig ist, wenn man die Unterhaltskosten für ein Auto zur Miete dazurechnet, für ein Auto, das man in der Innenstadt nicht braucht, sagt Joerend natürlich nicht. Und Schirg kommt auch nicht auf die Idee, da nachzufragen.)

Kann man schon verstehen, die Makler. Dass sie da traurig werden, bei solch undankbaren Mietern. Traurig und über kurz oder lang auch aggressiv.

 

In Hamburg, der sozial homogensten Stadt der Republik, hat sich das Abendblatt, die wagnisscheuendste Tageszeitung der Republik, mal etwas richtig Mutiges getraut. Und nicht etwa ein Regierungsmitglied interviewt, sondern die Fraktionsvorsitzenden der zwei kleinsten in der Bürgerschaft vertretenen Parteien: die frohsinnsfaschistoide Katja Suding (FDP, 6,7 Prozent) und die immer ein wenig verkniffen wirkende Dora Heyenn (Linke, 6,4 Prozent). Und dieses Streitgespräch (meine Leser wissen, wie man die Springersche Bezahlschranke umgeht, oder?) ist zwar inhaltlich nichtssagend, in kleinen Details aber so spannend, dass ich daraus zitieren möchte:

Heyenn: (…) Die meisten Studierenden kommen aus wohlhabenden Familien. Durch die Einführung der Studiengebühren hat sich die soziale Struktur an den Universitäten so stark verschoben, dass wir kaum noch Arbeiterkinder an den Unis haben. Studiengebühren schrecken ab. Daher müssen sie weg. Bildung muss für jeden zugänglich sein.
Suding: Sie ist für jeden zugänglich …
Heyenn: Nein, ist sie nicht …
Suding: Wenn ich es nicht schaffe, nach dem Studium einen Job zu finden, der mich in die Lage versetzt, die Studiengebühren zurückzuzahlen, dann muss ich es (sic!) auch nicht zurückzahlen.
Heyenn: Wovon träumen Sie? Wissen Sie eigentlich, wie es den Uni-Absolventen geht? Die müssen ein Praktikum nach dem anderen machen, die haben prekäre Beschäftigungsverhältnisse, viele gehen ins Ausland. Die haben nicht die Auswahl an tollen Jobs.
Suding: Die Arbeitslosenzahlen sinken, wir steuern auf einen massiven Fachkräftemangel zu, junge Menschen werden schon an den Unis mit Arbeitsverträgen geködert. Die Leute werden alle irgendwelche Jobs bekommen.

Diese Passage ist deswegen so spannend, weil beide Seiten von ihrer Warte aus Recht haben. Und weil sie Recht haben, können sie ab diesem Punkt auch nicht mehr aufeinander zugehen: Soll Suding etwa eingestehen, ja, das marktwirtschaftliche System ist zutiefst ungerecht, wir müssen da etwas ändern? Und darauf nicht sofort aus ihrer marktradikalen Partei austreten? Soll Heyenn eingestehen, ja, der Wirtschaft scheint es aus irgendwelchen Gründen besser zu gehen, am Besten, wir vertrauen in solch einer Situation auf die Marktkräfte, sehen die Uniabsolventen in „irgendwelchen Jobs“ (Suding) unterkommen und vergessen bis auf weiteres das (um ehrlich zu sein: letzte) linke Ziel der Emanzipation des Menschengeschlechts.
So langweilig sich dieses „Streitgespräch“ liest, so deutlich wird: Da sind zwei, die streiten gar nicht. Da sind zwei, die haben sich einfach nichts zu sagen.

Ich fürchte, das wird so weiter gehen. Auf lange Sicht wird man sich immer weniger zu sagen haben, Politik wird immer weniger ein Geschäft des Ausgleichs, eine Suche nach Kompromissen sein. (Wie sollte ein Kompromiss zwischen Suding und Heyenn aussehen? Und würde man sich den überhaupt wünschen?) Die Gesellschaft wird sich viel stärker fragmentieren als sie es heute schon ist, irgendwann gibt es nur noch beim Fußballgucken eine Einheit, bald nicht mal mehr da. Und das parlamentarische System beinhaltet nicht mehr den Austausch von Argumenten. Wahlen sind dann ausschließlich dazu da, die Gesellschaft in Gruppen aufzuteilen; bei Wahlen wird definiert, welche Gruppe die andere unterdrücken darf.

Und dann wird es blutig.

06. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Angewandte Sozialpolitik · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Im Hamburger Abendblatt finde ich ein langes Gespräch mit Susanne Lothar zur Krise am Deutschen Schauspielhaus. Und so gerne ich Frau Lothar mag, ganz einleuchten will mir nicht, warum ausgerechnet sie hier als Spezialistin befragt wird (okay, sie hat mal am Schauspielhaus gespielt, aber es würde Hunderte anderer Künstler geben, die da ebenfalls kompetent wären). Naja, Journalismus funktioniert ja viel stärker nach den prosaischen Gesetzen des Alltags, Lothar wird wohl gerade greifbar gewesen sein, außerdem ist sie hinreichend prominent und muss den Abendblatt-Lesern nicht erst noch vermittelt werden.

Auf jeden Fall spricht Lothar an einer Stelle über den Wert von Kultur:

Kurt Körber, der große Hamburger Mäzen, hat so viel in die Hamburger Kultur investiert, weil er wusste, dass seine Fachleute, seine tollen Ingenieure nicht in Hamburg geblieben wären, wenn sie kulturell keine guten Angebote vorgefunden hätten. Wenn die Stadt weniger Geld für die Kultur ausgibt, verarmt nicht nur die Kulturlandschaft, sondern die Stadt insgesamt, dagegen möchte ich mich als gebürtige Hamburgerin und Hamburg-Liebhaberin wehren. Wenn man will, dass die Menschen hier gerne wohnen bleiben, muss man ihnen etwas bieten.

Und an dieser Stelle wird mir zum Heulen. Weil nämlich, wenn Lothar hier recht hätte, ich sofort dafür plädieren müsste, alle Subventionen zu streichen. Meine Steuergelder werden also dafür gebraucht, eine Abendbespaßung für die „tollen Ingenieure“ des Pfeffersacks Körber zu finanzieren? Können die denn ihre Unterhaltung nicht selbst bezahlen? Das ist genau das Denken übers Theater, das in den meisten Köpfen vorherrscht und das sich dann in strunzdummen, selbstgerechten und verletzenden Leserbriefen wie dem von „Dr. Gunter Alfke“ Bahn bricht:

Hamburg sollte es als Fügung und Chance sehen, dass Herr Schirmer seinen Platz räumt. Als Chance, wieder Theater für Erwachsene zu machen, dem Wort und dem geistreichen Wortwitz wieder die erste Stelle auf der Bühne einzuräumen, statt Banalitäten und „Action“ zu servieren. Zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Curt Goetz ist da viel Platz. Klassische Stücke klassisch inszeniert servieren.

Oder, direkt daneben, ein Erguss von „Hans Martin Kölle“, der Alfke an Dumpfbackigkeit durchaus das Wasser reichen kann:

Ein Loch zwischen Einnahmen und Ausgaben ließe sich zumindest verringern, indem die Erträge aus dem Theaterbetrieb erhöht werden. Das heißt praktisch: mehr Zuschauer durch ein attraktives Angebot ins Theater holen und auf abstoßende Inszenierungen verzichten, die vor allem der eitlen Selbstverwirklichung der Regisseure dienen und viele Zuschauer aus dem Schauspielhaus vertreiben.

Solche bräsigen Meinungen möchte Susane Lothar natürlich nicht bedienen, klar. Aber in ihrer Betonung auf Theater für die Upperclass geht sie vollkommen an dem vorbei, was Theater auch sein kann: Ein Fenster in die Welt der Ästhetik, und zwar für Leute, die von ästhetischen Diskursen weitgehend abgehängt sind. Ein Begegnungsort. Ein Ort für Bildung. Nicht zuletzt kann Theater sein: angewandte Sozialpolitik. Und darüber sollte Lothar einmal sprechen, nicht darüber, dass ein gutes Theater Spitzenkräfte in einer Stadt hält. Ist das so jenseits ihrer Vorstellungskraft?

Was Theater sein kann, das hat das Schauspielhaus übrigens jüngst gezeigt. Mit Volker Löschs Inszenierung „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“. Unabhängig davon, ob man die Aufführung jetzt wirklich gelungen fand oder nicht.