Wie das klappen konnte, ist mir auch heute noch nicht klar. Also, wie der Wachmann uns am Eingang zum Museumspark abpassen konnte und informieren, dass der Park leider geschlossen sei: „Gehen sie rein, schauen sie sich um, und wenn sie fertig sind, dann klettern sie einfach über den Zaun.“ Und dann schloss er das Tor hinter uns, keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Wir haben 1999, und S. möchte einen Artikel schreiben: über einen Kunstparcours, der im Museumspark Rüdersdorf aufgebaut ist. Rüdersdorf ist eine Ortschaft am östlichen Stadtrand Berlins, und der Museumspark ist ein ehemaliger Kalksteinbruch mit der entsprechenden Verarbeitungsindustrie, der zum Großteil in den 60er Jahren aufgegeben wurde. Ein riesiges Gelände, teilweise von der Natur überwuchert, Kalköfen und Lagerhallen und Steinbrüche, unübersichtlich und wild, damals zumindest noch, Ende der Neunziger. Die Kunst ist, das merken wir schnell, nicht der Rede wert. Aber das Gelände ist großartig. Wir steigen über einen Zaun, schlagen uns durch ein Gestrüpp, klettern ein paar Meter auf ein bedenklich wackelndes Stahlgerüst, bekommen dann aber Angst und klettern wieder runter, hauen uns durch eine weitere Hecke und stehen an der Abbruchkante.
Es ist großartig. Vor uns geht es in die Tiefe, ein paar Pfützen, irgendwo ein Teich, weit drüben, auf einer Anhöhe: ein paar Autos. Schrottkisten, Geländemotorräder, wir hören Musikfetzen, Onkelz, würd‘ ich sagen. Wir kriegen uns nicht mehr ein, brauchen ein paar Minuten, um uns loszureißen, an den Schachtöfen vorbei, an einem Tunnel, der anscheinend einen Kanal zur Spree darstellt, zu einer Halle. Einer riesigen Halle, alles ist hier riesig, alles ist leer und einsam. Und nichts ist abgesperrt. Drinnen: eine Leiter, die auf ein Gerüst führt, unterm Dach. Wir klettern rauf und gehen ein paar Meter, das ist nicht gefährlich, es gibt ja ein Geländer. Ja? Plötzlich erscheint uns das Geländer nicht mehr wirklich Vertrauen erweckend, langsam, ganz langsam drehen wir uns um, Gott, ist das eng hier oben, ganz langsam setzen wir einen Fuß vor den anderen, zurück zur Leiter. Keine Ahnung, wie wir das überlebt haben.

Keine Ahnung, wie das funktionieren konnte.

Ich war seither nicht mehr in Rüdersdorf. Aber ich glaube, das Gelände wiederzuerkennen, im Video zu „Easy Leasing Superstar“ von Le Hammond Inferno, auch schon über zehn Jahre her:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=7XNgG7M8KzQ]

Es gibt solche Orte nicht mehr, nicht in Deutschland. Ferropolis in Sachsen-Anhalt: eine Eventlocation. Der Landschaftspark Duisburg-Nord: ein Spielplatz. Der ehemalige Brauturm der Dortmunder Union-Brauerei, das Dortmunder U: ein Kreativzentrum. Die gefluteten Tagebaue in Sachsen: ein Naherholungsgebiet namens Leipziger Neuseenland. Das ist alles gut, ich möchte das Museum am Ostwall nicht missen, auch dass der Museumspark Rüdersdorf mittlerweile mit Sicherheit professionalisiert arbeitet, dass mit Sicherheit niemand mehr unbeaufsicht aufs Gelände darf ist eine gute Sache. Wie gesagt, ich wundere mich immer noch, dass wir diesen Ausflug überlebt haben, und ich bin mir sicher, hätten sie so weiter gemacht, dann wäre irgendwann einmal jemand in einen ungesicherten Schacht gestürzt.
Und trotzdem bin ich traurig, und trotzdem fehlt mir jetzt etwas.
Mir fehlen die ungesicherten Orte. Industrieruinen, Abbruchhäuser, Urwälder. Einen Hauch dieses Ungesicherten spüre ich noch, jedes Jahr im August, beim Dockville-Festival in Hamburg-Wilhelmsburg. Musik hörend, zwischen aufgelassenen Hafenbecken, verlassenen Conatinerstellplätzen, runtergekommenen Lagerhallen. Aber jedes Jahr spüre ich weniger Zauber, jedes Jahr ist die Gegend aufgeräumter, jedes Jahr hat sich die Internationale Bauausstellung weiter vorgewagt, auf die Elbinsel Wilhelmsburg, auf diesen vergessenen Flecken Hamburg, der langsam aber sicher markiert wird, gesichert, eventisiert.

Das ist nicht schlimm. Aber etwas fehlt mir.

03. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Umbilicus Sueviae, der Nabel Schwabens · Kategorien: It's a dirty job but someone's gotta do it · Tags: , , , , , , , ,

Manchmal träume ich vom Ulmer Hauptbahnhof, also, ich träume davon, wie der Ulmer Hauptbahnhof war als ich klein war. Ein riesiger Bau, düster, verwinkelt, stinkig. Der Hauptbahnhof stand für alles, was unübersichtlich war, bürokratisch, abweisend und fremd, also ein Abenteuerland für einen Fünfjährigen. Es gab Unterführungen, bei denen man nicht ahnte, wo sie einen hinbrachten, es gab eine baufällige Fußgängerbrücke, es gab Pilsschwemmen, in denen schon am frühen Mittag Alkoholiker saßen und kleinen Kindern, die sich hier zufällig rein verirrt hatten, den Kopf tätschelten. Es gab nach Pisse stinkende Nischen, Fahrkartenschalter mit schlecht gelaunten Bahnmitarbeitern, unverständliche Lautsprecherdurchsagen mit Fahrtzielen, die einem fremd waren, „auf Gleis 5 erhält Einfahrt der verspätete Intercity nach Hamburg-Altona mit Halt in Stuttgart, Frankfurt, Hannover“, „auf Gleis 2 Eurocity aus Amsterdam, Köln, Stuttgart zur Weiterfahrt nach Salzburg über Augsburg und München. Dieser Zug hat 15 Minuten Verspätung“. Im Keller gab es Toiletten, die man, wenn es irgend ging, nicht aufsuchen sollte, in der angrenzenden Passage außerdem einen fetttriefenden McDonalds, in den mich manchmal, selten, meine Großmutter ausführte, Pommes und heiße Apfeltaschen essen.
Der Ulmer Hauptbahnhof war ein Moloch, eine der zwei Berührungen mit der Welt der Industrie für mich Vorstadtkind, die andere war das Industriegebiet Donautal, rauchende Schlote, Arbeiter, die mit leerem Blick in die Fabriken schlurften, Manchester. Ich war gut im Dramatisieren, damals, aber ich kannte Industrie auch nicht anders, war bis dahin weder im Ruhrgebiet gewesen, noch in Bitterfeld noch im Hafen, das kam alles viel später.

Einschub: Ich bin, grundsätzlich, dafür, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Das ist nämlich so: Stuttgart ist extrem hügelig, eigentlich weniger eine echte Stadt mit Zentrum und umliegenden Vororten, sondern vielmehr eine Ansammlung von bebauten Tälern, und in deren Mitte liegt der Hauptbahnhof. In einem Talschluss, was zur Folge hat, dass wir es hier mit einem Kopfbahnhof zu tun haben. Kopfbahnhöfe aber sind problematisch, auch aus ökologischen Gründen, weil ein Zug immer die doppelte Strecke von der Bahnlinie zum Bahnhof und zurück braucht. Außerdem fressen sie Reisezeit, aber gut. Außerdem, und das ist das wichtigste Argument für einen Umbau, ist in den Stuttgarter Tälern kein Platz für einen Flughafen, der liegt entsprechend auf einem der umliegenden Hügel Richtung Ulm. Wenn man nun aus Ulm zum Stuttgarter Flughafen möchte, dann fährt man erstmal zum Hauptbahnhof, steigt dort in die S-Bahn und fährt in der Gegenrichtung wieder zurück. Würde die Bahnlinie von Ulm aus über den Flughafen ins Stuttgarter Zentrum führen, dann könnte man eine knappe Stunde Fahrtzeit einsparen. Ich bin aus ökologischen Gründen dagegen, dass in jedem Kaff ein Flughafen gebaut wird, ich bin dagegen, dass man mit seinem stinkenden PKW zum Flughafen zockelt, ich bin dafür, dass einige wenige Flughäfen mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimal angebunden werden. Und deswegen muss in Stuttgart was gemacht werden, Einschub Ende.

Was gemacht wird, ist Stuttgart 21: Ein monströses Neubauprojekt, das, grob gesagt, die gesamte Stuttgarter Innenstadt untertunnelt, aus dem Kopfbahnhof einen Durchgangsbahnhof macht und die Linie straight auf die Berge zum Flughafen (und dann weiter nach Ulm) führt. Es gibt Argumente für dieses Projekt, einige habe ich oben zitiert, es gibt auch Argumente dagegen, dazu zählen ungeklärte geologische Probleme mit dem Stuttgarter Erdreich, dazu zählen die exorbitanten Kosten, die in Zeiten leerer kommunaler Kassen andernorts fehlen, dazu zählt der massive Eingriff in das Stuttgarter Stadtbild, unter anderem die Vernichtung öffentlicher Parkanlagen. Es haben sich mehrere wichtige Protestgruppen gegen diese Pläne gebildet, meist als neue Form des entidelogisierten Bürgerprotests, der von gemäßigt links bis weit ins Bürgertum hineinreicht, charakterisiert. Die Machtelite hingegen reagiert auf diese neue Form des Protests ganz klassisch: mit Knüppeln.
So heterogen die Gegnerschaft zu Stuttgart 21 auch aufgebaut ist: Sie wird geeint durch das Gefühl, einer abgehobenen, arroganten und extrem brutalen Macht gegenüber zu stehen. Die Gegner sind wie ich nicht unbedingt gegen die Optimierung des Stuttgarter Bahnsystems, aber sie wären gerne gefragt worden. Sie möchten miteintscheiden. Sie möchten nicht, dass sie unter Entscheidungen zu leiden haben, die sie gar nicht verantworten – und leiden werden sie. Denn wer soll denn das Neubauprojekt bezahlen, wenn nicht die Bürger, mit Einschnitten ins Sozialsystem, mit Einschnitten in die kulturelle Grundversorgung zum Beispiel?

Das Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1914, Architekt waren Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer, die unter dem Titel „Umbilicus Sueviae“ (Nabel Schwabens) ein hoch repräsentatives Bauwerk in die württembergischen Hügel gesetzt haben. Die Pläne zu Stuttgart 21 sehen vor, dieses als Kulturdenkmal geschützte Gebäude zu entkernen, die Seitenflügel würden abgerissen, übrig bliebe eine reine Fassade. Ein Witz.
Bahnhöfe sind nicht mehr das dunkle Abenteuer, das ich als Fünfjähriger kennengelernt habe, Bahnhöfe sind heute hell und offen und radikal durchkommerzialisiert. Fassaden, Witze. Der Berliner Hauptbahnhof, Leipzig, Frankfurt: Das sind nicht mehr die wilden Schlünde, von denen ich träume, das sind Malls mit Gleisanschluss. Manchmal finde ich noch Bahnhöfe meiner Kindheit, in der Provinz, große Bauwerke, viel zu groß für die umgebenden Städte, Bad Harzburg etwa. Oder im Ausland, in Ländern, in denen man die Sprache nicht versteht, wo ein Stimmengewirr einen umschwirrt, man am Schalter A die Bahnsteigkarte holt, damit man sich am Schalter B den Fahrschein kaufen kann, um am Schalter C die Verbindung genannt zu bekommen. Riga war so ein Bahnhof, in dem ich mich verlieren konnte. Ein Moloch.

Edit: Das Bild zeigt den Hauptbahnhof Dortmund. Ein Gleisgewirr, ein Verlorengehen, etwas, das zu groß ist, als das man es verstehen könnte.