Da waren doch diese Typen in der Schule, gegen die eigentlich niemand wirklich was hatte, die aber auch niemand wirklich mochte. Typen mit randloser Brille, Aktentasche und Opel Corsa zum 18. Geburtstag, nie waren sie betrunken, nie gingen sie abends irgendwohin mit, und geküsst wurden sie auch nie. Ihr Abischnitt war überdurchschnittlich, dann verlor man sie aus den Augen. Irgendwer erzählte später noch einmal von ihnen, sie gingen zum Bund oder machten Zivi, später studierten sie an Provinzhochschulen Maschinenbau oder Bauingenieurswesen, Aufbaustudium in den USA. Mit spätestens 30 begannen sie zu bauen, ein Haus, irgendwo in der Nähe ihres Heimatortes. Sie interessieren heute so wenig wie sie damals interessierten.

Aber es gibt sie. Und sie treffen sich in den Kommentarspalten auf Welt Online, auf Spiegel Online, auf Süddeutsche.de. Dort lassen sie dann all ihren Frust raus, all ihre Aggression, die man gar nicht von ihnen erwartet hatte: Das waren doch immer ruhige Typen, ein wenig langweilig vielleicht, aber ganz sicher nicht aggressiv. Man hat sich nicht für sie interessiert, jetzt antworten sie mit Hass: Sobald von einem Architekten die Rede ist, schimpfen sie über die Architekten, die doch nichts wären ohne die Bauingenieure. Sobald von einem Beamten, Lehrer, Künstler die Rede ist, schimpfen sie über die Leute, die noch nie richtig gearbeitet hätten, und Arbeit, das ist für sie: Ingenieurshandwerk. Sobald von Homosexualität die Rede ist, schimpfen sie, dass langsam mal gut sein müsse mit der Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung: gut und schön, aber eine Ehe sei doch eine Verbindung zwischen Mann und Frau, und heute sei es doch so, dass man sich schämen müsse, wenn man heterosexuell verheiratet, zwei Kinder, sei. Richter, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Intellektuelle, Wissenschaftler: alles linksgrün durchsetzte Sesselfurzer. Ausländer, Muslime gar: sollen bleiben, wo sie herkommen, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Frauen: Ziehen einen in ihrer hinterhältigen Art ins Bett, nur um später Alimente zu kassieren. Mein nettes, kleines Internet läuft über vor Hass.

Und ich habe wirklich Angst. Dass mir einer dieser Typen, an die ich mich doch nicht erinnere und die mir eigentlich wirklich egal sind, begegnet, spätabends. Dass er in diesem Moment denkt, dass ihm sein Leben selbst nicht passt. Und dass er aus irgendwelchen wirren Gründen plötzlich denkt: Der Typ da, mit der Brille, der Mütze und den engen Hosen, der ist glücklicher als ich. Und dann haut er mir eine rein. Wenn ich dem glauben kann, was er im Internet schreibt, würde ich sagen: Ich traue es ihm zu.