16. Juli 2012 · Kommentare deaktiviert für Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. · Kategorien: Daddeln · Tags: , , , , , ,

Im Kino gewesen, den wunderbaren norwegischen Film „Sønner av Norge“ von Jens Lien gesehen: Coming of Age, die Geschichte einer Punkjugend im Osloer Vorort, Ende der Siebziger. Was mich anfasst: Aus dem Vorort komme ich auch. Und als Punk verstand ich mich ebenfalls, als Jugendlicher, ach was, als Punk verstehe ich mich eigentlich immer noch. Wobei, was ist das eigentlich für mich, Punk?

Vergiss die Frisur. Vergiss die Klamotten. Punk ist jedenfalls nicht: eine Entscheidung bezüglich des Stylings.

Irgendwie Linkssein hilft. Ich meine, Punks sind von ihrem Selbstverständnis Anarchisten, da passt eine linke Agenda nicht wirklich zu. Andererseits: Solidarität, Antikapitalismus, Internationalismus, Multikulturalismus gehören schon irgendwo zum Punksein, und das sind ja wohl linke Werte. Man muss vielleicht nicht gleich in eine Partei eintreten, Kassenwart werden. Höhö, Punk-Kassenwart.

Und wo wir schon bei Ismen sind: Sexismus geht grund-sätz-lich gar nicht. Punk mag ästhetisch dem Bild einer harten Maskulinität nahestehen, Chauvinismus aber steht dem oben angedeuteten Linkssein von Grund auf entgegen. Im sexualpolitischen Sinne ist Punk für mich queer.

Musikalisch ist Punkrock natürlich eine recht öde Angelegenheit. Ästhetisch war die Verengung von Punk auf eine Musikrichtung eine Sackgasse, als ästhetische Bezüge sind mir viel wichtiger: Dada, Selbstironie, beißender Sarkasmus, ein spielerisches Anlehnen an DIY-Strategien. Mut, den Karren an die Wand zu fahren.

Punk ist antiautoritär. Was in der Konsequenz heißt: Punk kennt keine Stars, niemanden, zu dem ein Aufschauen lohnen würde. John Lydon: ein mäßig begabter Maler und Popmusiker, ein recht heller Kopf, jemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde. Joe Strummer: ein verhinderter Rock’n’Roller, ein Sozialdemokrat, jemand, mit dem ich gerne mal über Widerstandsstrategien diskutieren würde. Helden sind das alles keine.

Widerstand. Ich rate vom offenen Kampf gegen das System ab: Das System ist grundsätzlich stärker, die haben auch die bessere Bewaffnung. Trotzdem, auf keinen Fall darf man sich mit dem System gemein machen. Die, die vom System ausgenutzt werden, bekommen mein Mitgefühl, die, die das System nutzen, die oben schwimmen, bekommen meine tiefe Verachtung. Sorry, mehr ist nicht drin.

Regeln brechen. Regelwerke sind das Gegenteil von antiautoritär. Diese Liste: ein Schwachsinn.

(Und jeder Punk, der mir sagt: Du gehörst nicht zu uns, der hat recht. Und gleichzeitig hat er unrecht. Denn Punk, das ist keine Gemeinschaft, zu der man gehören kann oder nicht. Punk führt seine eigenen Ausschlussmechanismen ad absurdum, wie Punk jeden Mechanismus abstößt. Gott, ist das schön.)