20. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Nicht nur in der Kölner Südstadt ein stolzer Schwuler sein · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , , , ,

In meinem Kopf dröhnt ein Schlager. Ostdeutsch kraftmeiernd Kraftklub nennt sich die Band, sie kommt, wie die Bandmitglieder sagen, aus Karl-Marx-Stadt, Chemnitz für uns Spätgeborene, also aus dem „Manchester Sachsens“, was bei Licht betrachtet auch nicht viel mehr ist als das Oberhausen des Ostens, also vor allem: tiefste Provinz, ganz weit hinter den Bergen. Kraftklub jedenfalls dröhnen, mit einem Song namens „Ich will nicht nach Berlin“, aber, tut mir leid, Jungs, falls ihr in diesem Business irgendwohin wollt, dann müsst ihr nach Berlin. Und ich denke an Chemnitz, und dann denke ich an Gießen, wo ich einige sehr schöne Jahre meines Lebens verbracht habe, Gießen, aus dem nach und nach all die Menschen, die diese Jahre mit mir geteilt haben, weggezogen sind.

Im Gießener Infoladen hing ein Plakat der Aidshilfe, man sah ein schwules Paar durch eine windzerblasene Dünenlandschaft wandern, „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“ lautete der Slogan, ein kluger Slogan, der dazu animieren sollte, sich selbstbewusst Räume anzueignen, eben nicht nur in der Kölner Südstadt oder in der Schöneberger Motzstraße ein stolzer Schwuler zu sein, sondern auch in den Dünen von Jeverland (das eigentlich rein gar nichts mit dem hessischen Gießen zu tun hatte, aber okay, ländlicher Raum ist ländlicher Raum). Ich fand das Plakat damals charmant, ja, es war durchaus möglich, sich in Gießen wohlzufühlen. Und während des Studiums funktionierte das auch, alles. Nur spätestens mit dem Abschluss dünnte der Freundeskreis aus, irgendwie musste man ja Geld verdienen, und die Kleinstadt war nicht in der Lage, uns allen auch nur halbwegs ein Auskommen zu finanzieren. Irgendwann war S. weg, irgendwann war T. weg, und bald war dann ja auch ich weg. Man schaute noch nach Gießen, man sah W., wie er dort saß und Kunst machte, keine schlechte Kunst, und irgendwie dachte man: Der hat es nicht geschafft. Man sah L., wie sie dort saß und sich mit Lokaljournalismus abmühte, L. machte das gut, dachte man, und gleichzeitig dachte man: Die hat es nicht geschafft. In Gießen, da blieben die, die hängengeblieben waren, auch wenn man selbst sich gerade mal ein Stückchen weiter gehangelt hatte.

Szenenwechsel: Januar 2012.

Die Galerien der Hamburger Fleetinsel eröffnen gemeinsam die Ausstellungssaison, und die Produzentengalerie zeigt die Schau „Wechsel ist nicht Austausch“: Die Dokumentation einer Ausstellung vor 30 Jahren, als die leerstehenden Gebäude Kampnagels im Arbeiterstadtteil Barmbek abgerissen werden sollten und stattdessen von Künstlern übernommen wurden, Bogomir Ecker und Joseph Beuys beispielsweise, die ganz Großen der damaligen Szene, die für einen kurzen Augenblick eine Einheit von Stadtteilpolitik, Kunst und Geschichtsbewusstsein herstellten. Heute werden dieser Dokumentation zeitgenössische Arbeiten gegenüber gestellt, von Beate Gütschow etwa, die in den 1990ern in Hamburg studiert hatte und längst in Berlin lebt. In Berlin, wo sie ja alle mittlerweile leben. Die Ausstellung in der Produzentengalerie will etwas anderes, aber sie ist ein Stich ins Herz, weil sie den Blick auf die Tatsache lenkt, dass mittlerweile fast alle Künstler, die damals eine aggressiv-politische Hamburger Ästhetik bildeten, entweder tot sind oder aber in Berlin.

Das soll nicht heißen, dass diese Saisoneröffnung schlechte Kunst zeigt, im Gegenteil, ganz tolle Schauen sind dabei: Philipp Schewe bei Melike Bilir, wunderbare, schräg-wütende Collagen. Christian Hans Albert Hoosen bei Katharina Bittel, ein comichaft wilder Trip. Christina Zurfluh bei Mathias Güntner, dunkle, schwere Alpträume in Acryl. Es sind tolle Ausstellungen (dass auch ein paar unmotivierte Schauen dabei sind, versteht sich von selbst), aber wenn man zuerst in der Produzentengalerie war und sich dort diese nostalgische „Wechsel ist nicht Austausch“-Geschichte angeschaut hat, fällt es schwer, sich darauf einzulassen, dass hier klug Komponiertes, Heutiges gezeigt wird. Dann denkt man nur noch: Man ist hängengeblieben. Man hat es nicht geschafft. Nicht nur alle wichtigen Künstler sind in Berlin, auch alle, die sich mit Kunst beschäftigen, sind in Berlin, diejenigen, die hier tolle Ausstellungen kuratieren, das sind diejenigen, die nicht weggekommen sind. Und eigentlich könnten sie ihre Künstler auch gleich in Gießen ausstellen, ist ja egal, wohnen doch ohnehin alle in Berlin.

Man steckt ein wenig im luftleeren Raum, wenn man in Hamburg bleibt. Dass alle in Berlin sind, das liegt ja nicht nur an den sprichwörtlich günstigen Mieten in der Hauptstadt (die mittlerweile auch mehr Legende sind als Realität), das liegt vor allem daran, dass alle anderen ebenfalls da sind. Für jedes Künstlerinterview, das ich führe, buche ich mittlerweile ein Ticket nach Berlin, geht gar nicht mehr anders. Hier ruft man in die Wüste, und manchmal kommt ein Echo, das mehr ist als bloße unkreative Selbstzufriedenheit. Vielleicht ändert sich das ja auch mal, längst sind ja nicht mehr nur die Coolen in Berlin, auch die vielen, vielen Deppen zieht es ostwärts. Und bis dahin schaue ich, ob ich noch irgendwo im Internet ein vergilbtes Plakat finde: „Es muss nicht immer Großstadt sein – wir fühlen uns hier wohl“. Und das hänge ich mir dann aufs Klo.

(Das Bild zeigt die kunstinteressierte Provinz in Fleetinsel-Treppenhäusern. Wen es interessiert: Kraftklubs „Ich will nicht nach Berlin“ mit nervenzehrendem Video gibts hier.)

28. Dezember 2011 · Kommentare deaktiviert für Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , ,

Kommt ein Mann zum Pfarrer und erzählt, dass er nicht an Gott glaube. Sagt der Pfarrer mit beseeltem Blick: „Das ist ein Beweis für die Güte des Herrn: Du bist Atheist, und er akzeptiert dich dennoch, so wie du bist.“ (Ja, okay, ich habe mir den Witz gerade erst ausgedacht, da darf man kein Fips Asmussen-Niveau erwarten.)


(Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen)

Zu Beginn der Ausstellung „Wunder“ in den Deichtorhallen begegnet einem eine Installation von Joseph Beuys: „Eurasienstab“, vier an eine Wand gelehnte Filzwinkel (im Bild links). Beuys wollte, so informiert der Ausstellungstext, mit diesen Gerätschaften eine geistige Verbindung zwischen West und Ost herstellen, eine Brücke zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Europa und Asien, während des tobenden Kalten Kriegs. Ich weiß, dass sich über Beuys, den wohl bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, Klügeres sagen lässt als solch Geschwafel, der Satz macht aber deutlich, welches Problem ich oft mit Beuys habe: Man kann ihn ganz leicht vereinnahmen, für dummen, nicht durchdachten Antirationalismus. Für die Grünen, für die Anthroposophen, für eine Ausstellung wie „Wunder“.
„Wunder“ haut nicht fröhlich in die weihnachtliche Kerbe des Wunderglaubens, „Wunder“ ist raffinierter. Eine Videoinstallation von Johanna und Helmut Kandl zeigt Wallfahrer, glücklich, verzückt, fanatisch. Dass in diesem kollektiven Glücksgefühl auch eine Bedrohung liegt, verschweigt die Ausstellung nicht, gleichzeitig deutet sie aber an, dass in solch einem Gemeinschaftsgefühl eine Kraft stecken muss, die mit individualisierter Wissenschaftlichkeit nicht fassbar ist. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als du kleines Menschlein dir vorstellen kannst, sagt die Ausstellung. Und was spricht dagegen, dieses Unvorstellbare als „Wunder“ zu bezeichnen?
Das immerhin spricht dagegen: dass Wunderglauben fast immer Hand in Hand mit Religion geht. Diese Verbindung spart die Ausstellung verschämt aus, entsprechend gibt es auch keine Kritik an dem disziplinierenden Charakter von Religion (und nur in einem versteckten Kabinett, in dem Kinder ihre Vorstellungen von göttlichen Wundern formulieren durften, wird klar, wie der Hase läuft). Im Grunde ist „Wunder“ eine stockreaktionäre Veranstaltung, die sich nicht einmal traut, zu ihrem reaktionären Charakter zu stehen.
Was die kuratorisch eigentlich ganz gut aufgestellten Deichtorhallen geritten haben dürfte, sich auf solch schlüpfriges Terrain zu begeben, man weiß es nicht. Immerhin muss sich kein hauseigener Kurator für den Schmonzes verantworten, die Schau ist schlüsselfertig eingekauft von der Berliner Praxis für Ausstellungen und Theorie, drei freien Ausstellungsmachern, die sich selbst an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Kulturgeschichte verorten und bislang Schauen wie „Der Ball ist rund“ anlässlich 150 Jahren DFB im Gasometer Oberhausen oder „Schmerz“ im Hamburger Bahnhof Berlin konzipierten. Erfolgsausstellungen. Was das Trio allerdings über den Publikumserfolg hinaus mit „Wunder“ bezweckt, erfährt man nicht.
Am Ende steht die Religion. Am Ende steht die Erkenntnis, dass jeder an Wunder glaubt, solange er nicht so größenwahnsinnig ist, alles zu verstehen – und wer an Wunder glaubt, der glaubt auch irgendwo an Gott. Oder an die Gemeinschaft. Oder an die Kunst, ist ja alles dasselbe, dieses nicht Fassbare: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Davon, dass man womöglich durchaus akzeptiert, nicht alles zu wissen, für dieses Nichtwissen aber auch keine übergeordnete Erklärung braucht, schweigt diese Ausstellung.

Kommt ein Mann zum Kurator und erzählt, dass ihn Wunder eigentlich überhaupt nicht interessieren. Sagt der Kurator mit maliziösem Blick: „Dieser Skeptizismus, ist der nicht wunderbar?“

(Wunder. Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bis 5. 2., Deichtorhallen, Hamburg)