Gestern kurz überlegt: Ist das eigentlich eine gute Idee, aufs Dockville-Kunstcamp zu fahren, bei diesem Dreckswetter, so weit raus, auf die Insel? Und das, wo Kommander Kaufmann nicht mitkommt? … Ach, eigentlich: keine Lust. Gerade noch rechtzeitig eine SMS bekommen, „Fahren jetzt los“, also Gruppenzwang, man muss ja. Und, ja, man muss. Um festzustellen, dass das Dockville eben nicht nur das Großartiges erwarten lassende Musikfestival nächstes Wochenende ist, sondern eben auch ein von Jahr zu Jahr selbstbewusster auftretendes Kunstevent (in diesem Zusammenhang habe ich im Juli ein kurzes Interview mit zwei Kuratorinnen fürs uMag geführt).

Und, ja, beinahe hätte ich geheult vor Freude. Und beinahe hätte ich mir in den Hintern beißen müssen, nicht gefahren zu sein. Freude, weil die gezeigte Kunst von Jahr zu Jahr besser wird: wenn einen Kim Coleman den Moment abpassen lässt, in dem hinter ihrer Installation „Suntrap“ (Abbildung) die Sonne untergeht. Wenn man in Evols „Nordkreuz“ zwischen Plattenbauwaben versinkt. Wenn Marc Klee mit „Zwischen Brand – Inter Burning“ das Prinzip Installation zur De-Installation erweitert.
Es gibt immer noch Festival-Läppisches, klar, „Flaumi – Die soziale Zunge“ von Rocknrollarchitecture/Rocknrolladvertising gibt einen Gag her, nicht mehr. Und „Radioactivity Controls“ von Luzinterruptus ist auch mehr Didaktik als Kunst (die aber zumindest nachts recht eindrucksvoll gruselt). Aber eigentlich geht es darum auch überhaupt nicht.
Eigentlich geht es darum, klarzustellen, was für einen wunderbar offenen Raum das Dockville mittlerweile, im fünften Jahr seines Bestehens, darstellt. Es geht darum, dass ich keinen anderen Ort kenne, an dem der prototypische Indie-Styler so zwanglos neben dem etwas biederen Kunstlehrer aus der Gesamtschule Mümmelmannsberg einen Joint raucht, an dem die Kinder aus der Lüttville-Stadtranderholung übers Gelände wuseln, daneben ein älterer Mann aus der Wilhelmsburger Nachbarschaft, ein paar migrantische Jugendliche, eine saarländische Clique im Großstadturlaub und ein knutschendes Paar, das die gesamte Umgebung schlicht vergisst. Nennt mich naiv, aber solange Momente möglich sind wie gestern abend auf dieser eigenartig lebendigen Brachfläche, die von Jahr zu Jahr ihr Gesicht verändert, so lange glaube ich noch irgendwie an die Menschheit.
Und dann ist es egal, was für Kunst man am Ende sieht. Wenn man dann aber sogar Kunst sieht, die wirklich funktioniert, dann ist das: ein Glücksgefühl. Ein Grund zum Heulen.

(Und dass ich am Ende des Abends nicht mehr heulte vor Freude, sondern vielmehr einschlief vor Langeweile beim unglaublich öden, kunstgewerblich prätentiösen Auftritt von Get Well Soon, das ist eben so – weswegen höre ich mir auch Konzerte von Bands an, von denen ich schon vorher wusste, dass ich mit ihnen nichts anfangen kann? Und dass ich noch später nicht mehr heulte sondern brüllte vor Wut, weil die Elbinsel Wilhelmsburg nachts, zumal unter der Woche, extrem unbefriedigend ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist, während sich Taxifahrer weigern, hier raus zu fahren, in die Bronx Hamburgs, das unterschlage ich einfach mal. Ist auch nicht so wichtig.)