09. April 2013 · Kommentare deaktiviert für Why don’t you love me anymore? · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,
Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative: John Grant.

„Ich würde gerne deutsch können“, sagt John Grant, und man ist kurz überrascht, weil: Der kann doch deutsch, fast akzentfrei. Der kann so gut deutsch, wie man noch nie einen US-Amerikaner hörte, aber dann geht der Satz noch weiter: „wie Max Goldt.“ Grant kichert. „Ich find‘ den so geil.“ Und ich stehe verwirrt da, bei diesem eigenartigen Konzert, das nicht einmal ansatzweise das ist, was ich erwartet habe.

Eigentlich ist Grant ganz und gar nichts für mich. Ein Mittvierziger, der bislang klugen und in meinen Augen sehr, sehr langweiligen Alternative-Singer-Songwriter-Folk veröffentlichte, früher mit der in Denver (Colorado! Übelstes Redneck-Country, oder?) beheimateten Band The Czars, seit 2010 solo, ein Musiker, der so aussieht wie seine Musik, also Holzfäller-Style, recht maskulin, Bauch und Vollbart, aber natürlich ironisch verhipstert, ist ja Alternative. Außerdem ein arger Authentizitäts-Overkill, mit dem man beim Erscheinen der aktuellen CD „Pale Green Ghosts“ zugeschüttet wurde: vom langjährigen Lebenspartner schmerzhaft verlassen! Umzug nach Reykjavik, in die Kälte! Und schließlich noch eine positive HIV-Diagnose! Meine Güte, der Arme! Man schaut das düstere Video zum Titelsong (der wenigstens nicht mehr folkig ist, sondern schwer elektronisch), da denkt man: Boah, den dunklen Hintergrund der Aufnahmen hat Grant aber ziemlich gut in seine Kunst übertragen bekommen!

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Und dann steht da ein Mann auf der Bühne des neu eröffneten (und über dessen Position zwischen Reeperbahn-Gentrifizierung und High-Class-Clubkultur man auch noch mal einen Artikel schreiben sollte) Mojo Club, ein Mann, der zwar auf der einen Seite genau so aussieht wie im Video, der aber gar nichts Cooles mehr an sich hat, sondern eher etwas gleichzeitig Würdevolles und Liebenswertes, wie er unbeholfen tanzt zu den Elektrobeats, die hier in einem so noch nicht gehörten Sound durch das Sichtbeton-Wunder der Clubarchitektur wummern. Man sieht einen Mann, der scherzt, der flirtet, der Zoten reißt, und nur kurz scheint durch, dass es hier immer noch einen ernsten Subtext gibt: „Your silence is a weapon/it’s like a nuclear bomb/it’s like the agent orange/they used to use in Vietnam“ singt Grant in „Vietnam“, was eben kein Protestsong ist, kein Antikriegslied oder gar, bei US-Provinzbewohnern kann man sich da ja nie ganz sicher sein, ein patriotisches Bekenntnis. Nein, es ist ein Lied über die Schlachtfelder im Beziehungsleben, das ist schon ziemlich heftig, und das macht auch kein charmantes Lustigsein zwischen den Songpausen wieder wett.

Der Auftritt ist, falls das hier nicht so richtig durchscheint, extrem gut. Mir gefällt Grant besser, wenn er knallhart elektronisch daherkommt, in „Pale Green Ghosts“ oder im populistischen „Sensitive New Age Guy“, aber die mit isländischen Elektromusikern aus dem GugGus-Umfeld aufgenommene Platte ist da nicht ganz konsistent, es gibt durchaus rührselige Balladen („Why don’t you love me anymore“, ein Flehen!), es gibt Grenzgänge zu Vaudeville, zu Indie-Crooning und eben weiterhin zum Folk, da kann ich immer noch nicht so richtig drauf, und in solchen Passagen fällt mir auch auf, was für ein unangenehmes Schicki-Publikum hier rumhängt, da mag doch was dran sein von wegen dass die Neueröffnung des Mojo-Club die radikal umgekrempelte Reeperbahn repräsentiert. Aber dann sagt Grant nochmal was Nettes, dann schaut er fies, dann bollern die Synthies los, und er spielt. Er spielt: „Blackbelt“, eine Abrechnung. Greatest Motherfucker that I’ll ever meet.

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