Und B. meint, dass wir uns verändert hätten. Früher, in Gießen, da seien wir noch losgezogen, hatten uns abwegige, freie Theaterstücke angeschaut, diesen eigenartigen Daniil-Charms-Abend etwa, damals, in der komischen Kapelle hinterm Bahnhof. Ich sage B. nicht, dass gerade dieser Abend ein schlechtes Beispiel ist, weil er nicht wirklich aus der freien Szene kam, sondern vielmehr ein Projekt der Uni war, und Uniprojekte sahen wir damals alle Nase lang, mit Leuten aus der freien Szene die wir heute noch beobachten, Showcase beat le mot oder She She Pop. Das meinte B. aber nicht. B. meinte freie Theatermacher, die an eigenen Häusern arbeiteten. Und, ja, da hatte er recht, wir fuhren früher nach Marburg, ins Theater neben dem Turm, wo eine heute unter German Stage Service firmierende Gruppe um den Regisseur Rolf Michenfelder eine eher unakademische postdramatische Dramaturgie verfolgte. Machen wir heute nicht mehr, heute schauen wir uns auf Kampnagel freie Gruppen an, die tolles Theater machen und mit diesem drei, vier Produktionsstätten abklappern, das HAU in Berlin, das Forum Freies Theater in Düsseldorf, Kampnagel noch, dazu die wichtigen Festivals, manchmal ist außerdem jemand Artist in Residence an einem Staatstheater. Produziert werden diese Stücke fast ausschließlich in Berlin, einige wenige Gruppen residieren noch in Hamburg oder Wien, und das war es dann auch. Unser Bild von freiem Theater ist ein ziemlich eingeschränktes.

In den vergangenen Wochen brach dieses Bild für mich ein wenig auf. Zum einen bei den Privattheatertagen, bei denen ich freie Produktionen gesehen habe, die einem eher konventionellen Theaterverständnis anhängen, zum anderen aber gerade beim Kaltstart Festival, das jüngeres, wilderes, ungeordneteres Theater zeigt. Vor allem: Theater, das aus anderen Produktionszusammenhängen kommt, jenseits der HAU-Kampnagel-FFT-Schiene. Gestern Tom Lanoyes Antikenüberschreibung „Atropa“ vom Theaterdiscounter Berlin in der Regie Anne Schneiders, ein derzeit viel gespielter Text, der sicher seine Qualitäten hat, mit dem ich aber nichtsdestotrotz wenig anfangen kann. Schneider inszeniert ihn ohne massives Hinterfragen ihrer Theatermittel, als kluges, postmodernes Stadttheater, und hat dafür ein tolles Ensemble zur Verfügung, allen voran Susanne Bormann, in deren Sookie Stackhouse-hafte Widerborstigkeit ich mich vom ersten Auftritt an ein wenig verliebt habe. Nur eben: keine Neuerfindung des Mediums, Theater, wie es auch am ambitionierten Stadttheater hätte laufen können.

Was aber, wenn man nicht in Berlin ist, wo solche Stücke ja wirklich auf den Stadttheater-Spielplänen stehen? Was, wenn man auf dem platten Land ist, wo niemand Ambitionen zeigt? Ambitionslosigkeit trifft auf Bochum zwar nicht wirklich zu, trotzdem kann ein Theater wie die Rottstraße 5 hier neben dem durchaus ambitionierten Schauspielhaus Anselm Webers bestehen. Oliver Paolo Thomas inszeniert „Fight Club“ recht nah am Film, das heißt: testosterondampfend, sarkastisch, blutig. Kann man machen, gerade im Ruhrgebiet, ist dann ein nicht reizloses Jugendtheater, für eine Jugend, die nicht wirklich zu den Coolen gehört, ohne Seitenscheitel, ohne Berliner Wohnung, ohne dieses „Hab ich alles schonmal gesehen“, das mir an mir selbst immer unangenehmer auffällt.

Und, ja, B. hat ja recht. Wir haben uns verändert. Wir sollten uns noch einen Tacken weiter ändern, sag‘ ich jetzt einfach mal.

Edit: Am Donnerstag, 12. 7., gibt es beim Kaltstart Festival ein Publikumsgespräch, im Anschluss an die Aufführungen „Dido und Aeneas“ und „The Making of Make-up“, in der Theaterakademie Hamburg (Zeisehallen), moderiert von Berit Paschen und mir.