01. April 2014 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich? (März 2014) · Kategorien: Allgemein · Tags: , , , , , , , , ,

Endlich! Endlich! Endlich habe ich ein Interview mit Karin Beier geführt, der gar nicht mehr so neuen Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Für die Kultur//Hamburg, die nicht im Netz verfügbar ist, aber dafür kann man sie kaufen. Ohnehin empfehlenswert: Mir sichert das die Butter auf dem Brot.

Kultur//Hamburg: Ihr Vorgänger Friedrich Schirmer hat in seiner ersten Pressekonferenz einen ganz anderen Zugriff versucht, indem er einen Delfin als Logo vorgestellt hat. Das war als Setzung etwas sehr Poetisches, Schirmer hatte zwar auch politische Themen im Spielplan, aber diese Setzung war erstmal unpolitisch. So gesehen ist Ihre Setzung eine ganz andere – verkümmert das Theater da ein bisschen?
Beier: Das kommt immer darauf an, wie man es macht. Das ist eine Frage, die man sich auch jeden Tag neu stellen muss, kann und soll: Wie man politisches Theater überhaupt machen kann. Ich schließe nicht aus, dass ein politischer Abend auch ein poetischer Abend sein kann, dass der auch süffig sein kann, dass der saftig sein kann, dass der opulent sein kann … Aber der kann auch spröde sein, das schließt sich nicht aus. (…)

Vom größten deutschen Sprechtheater ganz weit raus aufs platte Land: Für die Theater heute habe ich mal so geschaut, was in Schleswig so geht, mit dem dortigen Landestheater. Man muss wohl befürchten: In Zukunft geht da nicht mehr viel, und das liegt nicht am Theater, sondern an der lokalen Politik.

Das Landestheater spielt bis Mitte 2016 in einer Ersatzspielstätte, außerdem werden Transfers zu Aufführungen nach Rendsburg und Flensburg organisiert. Aber auf lange Sicht macht sich Intendant Grisebach keine Illusionen: „Wenn Schleswig als Produktionsstandort und Gesellschafter nicht durch eine andere Kommune ersetzt werden kann, bedeutet es in der Tat das Ende der größten Landesbühne Deutschlands.“ Das allerdings wäre so monströs, man kann sich nicht vorstellen, dass das Votum von 13 Stadtverordneten tatsächlich die Theaterversorgung eines ganzen Bundeslandes in Frage stellen sollte. Entsprechend dürfte das Land diese Versorgung weiterhin sichern, irgendwie. Nur eben ohne Beteiligung Schleswigs.

Ebenfalls für Theater heute bin ich mal wieder nach Bremen gefahren und habe mir die Dramatisierung von Oskar Roehlers „Herkunft“ angeschaut. Von der ich allerdings enttäuscht war.

Die Nazivergangenheit der Großeltern schlägt auf die schwer neurotischen Eltern durch, weswegen aus der Folgegeneration nichts werden konnte. 68er-Bashing, das nicht besser dadurch wird, dass sich „Herkunft“ als Schlüsselroman lesen lässt: Der hauptsächlich als Filmregisseur bekannte Roehler ist Sohn des Schriftstellerpaars Gisela Elsner und Klaus Roehler, in fast jeder Figur des Romans lässt sich das reale Pendant dechiffrieren, Nora ist Elsner, Robert ist Oskar, und so weiter.

Auch in Hamburg wurde Theater gespielt, nämlich am Thalia. Luk Perceval inszenierte hier eine Erster-Weltkriegs-Installation namens „FRONT“, die ich für die Nachtkritik besucht habe:

Perceval macht viel richtig mit dieser musikalisch-textlichen Installation. Er umschifft die im Antikriegsgenre lauernden Klippen der indirekten Heroisierung, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Selbst den eigentümlichen Themenstrang um eine Krankenschwester (Oana Solomon), der auf eine Art libidinöses Verhältnis zum Krieg hinweist, lässt er nicht ausspielen, sondern deutet nur an, dass es da etwas gibt, das sich nicht so einfach begreifen lässt.

Im uMag schrieb ich über politischen Europa-Überdruss und über die Anti-Einwanderungsinitiative der Schweiz:

Man versprach uns, dass uns die Welt offen stehen würde, und wir glaubten es. Wir nahmen es als Selbstverständlichkeit, dass H. aus Bielefeld heute in Paris lebt und arbeitet, dass M. aus Barcelona heute in Frankfurt lebt und arbeitet, dass T. aus Braunschweig heute in Arhus lebt und arbeitet. Und dass S. aus Berlin heute in Zürich lebt und arbeitet, das nahmen wir auch als Selbstverständlichkeit. Oh, Zürich, Moment.

Und schließlich schrieb ich zwei Filmkritiken in der kulturnews. Einmal über „Deutschboden“, André Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Reportage:

Am ehesten ist das ein Bilderbogen zur Reportage, bevölkert von den Figuren aus Uslars Text. Das ist am Ende genauso träumerisch, denunzierend, verkünstelt und unrealistisch wie die Vorlage – aber es ist auch böse und lustig. „So war abseits der Großstadt eine neue Sorte Männlichkeit entstanden: der gefährliche, aber ziemlich schmuck und schwul aussehende Superproll“, murmelt der Autor angesichts gewaxter, muskulöser, tätowierter Glatzenträger. Irre.

Und dann noch über den französischen Film „Molière auf dem Fahrrad“:

Ja, Philippe Le Guays „Molière auf dem Fahrrad“ ist absolut vorhersehbar. Ja, das Theaterverständnis des Films ist eines von vorvorgestern, Serge und Gauthier schlagen Schlachten, die längst als Scheingefechte bekannt sind. Und, ja, die eingeschobenen burlesken Elemente wirken deplatziert. Aber abseits dieser Mängel bekommt man einen Film, der vor allem als Fest von zwei überaus sicher agierenden Schauspielern durchaus funktioniert.

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.