Ich bin in meinem Leben schon ein paarmal umgezogen. Nichts weltbewegendes, kein Ausland, kein St. Moritz, keine einsame Nordseeinsel oder so, aber häufig genug, um halbwegs einschätzen zu können, wo ich mich wohlfühle. Ich fühle mich wohl: im Ruhrgebiet. Und in Berlin. Das ist jetzt nichts Besonderes, aber man kann einen Schluss daraus ziehen: Ich scheine mich vor allem in Städten wohlzufühlen, die eher proletarisch geprägt sind, Städten, die nicht unbedingt von ihrem funktionierenden Bürgertum leben. (Dass ich selbst rein gar nichts Proletarisches an mir habe, dass ich mit meiner Ausbildung, meinem Beruf und meinen Interessen viel besser in die bürgerliche Schublade passe – geschenkt.)
Mit Hamburg tat ich mich entsprechend ziemlich lange schwer. Hamburg, das ist eben extrem wohlhabend, extrem teuer, extrem elitär, Hamburg, das ist eigentlich genau das Gegenteil von den Städten, in denen ich mich zu Hause fühle. Natürlich, Hamburg ist unglaublich schön, Hamburg hat den Hafen, hat den Fluss, hat eine weite Wasserfläche mitten in der Innenstadt, das ist ein Freizeitwert, den man nicht missen möchte. Bloß vertraut Hamburg eben auch blind auf diese Qualitäten, Hafenelbealster, eine Stadt, die sowas hat, die braucht nicht mehr, um lebenswert zu sein, oder? Aber eine Stadt braucht mehr, sie braucht bezahlbaren Wohnraum, sie braucht soziale Reibeflächen, sie braucht Freiräume, sie braucht Kunst und Kultur, und sie braucht Künstler. Dass Hamburg das alles hat, das kapierte ich erst verhältnismäßig spät: Es gibt in dieser Stadt subversive Reste, eine hochintellektualisierte Politszene aus den Überbleibseln der Hafenstraße etwa, oder eine Ausgeh- und Clubszene, die ernsthafte Anliegen ironisch verpacken konnte, den Pudel am Fischmarkt, die Mutter in der Stresemannstraße, die Weltbühne und die Tanzhalle.
Aus. Weltbühne und Tanzhalle haben längst zugemacht, die Mutter wird von Touristen überschwemmt, die Politkunstszene wohnt weitgehend in Berlin. Es ist unfair, so etwas an Personen festzumachen, aber als Angela Richter vor einem halben Jahr ebenfalls in die Hauptstadt gezogen ist und ihr Minitheater Fleetstreet daraufhin (zumindest in der bekannten Form) schließen musste, war mir klar, dass hier etwas kaputt ging.

Als ich vor zwölf Jahren nach Berlin zog, war ich unglaublich geflasht, wie sich die Szenen hier mischten. In Berlin hingen Punks, Schwule, Künstler, Linksradikale, Türken und Hedonisten zusammen, und irgendwie entstand aus diesem Gebräu etwas Spannendes. Nun gut, diese Mischung der Szenen passierte eigentlich nicht in Berlin, sie passierte in Kreuzberg, nein, sie passierte eigentlich ausschließlich im engeren Umfeld ums SO 36. Und tatsächlich gibt es solch einen eng umrissenen Bereich in Hamburg auch, er beginnt auf Höhe der Landenungsbrücken an der Elbe und zieht sich ungefähr vier Kilometer in Richtung Norden, nahezu rechteckig, durch St. Pauli, die Reeperbahn, ins Schanzenviertel, bis ungefähr auf Höhe der Roten Flora. Eine Fläche von rund acht Quadratkilometern, die zudem unter heftigstem Gentrifizierungsdruck steht. Dieser Gentrifizierungsdruck besteht ums SO 36 natürlich auch, Berlin ist wohl nicht besser als Hamburg, und das Berlin, das ich vor zwölf Jahren kennen und lieben gelernt habe, gibt es längst nicht mehr, klar. Ich bin ja nicht naiv.

Der Unterschied ist: Hamburg hat es nicht nötig, mir zu sagen, ja, es ist hier nicht alles okay, aber wir schätzen dich mit deiner Sehnsucht nach Freiräumen dennoch, und wir wollen dich nicht verlieren. Hamburg sagt: Freiräume brauchen wir nicht, wollen wir nicht, und Leute, die danach Sehnsucht haben, die sollen doch nach Berlin gehen, denen weinen wir keine Träne hinterher. Tim Hillenbrand hat das in seinem bösen, heftige Wellen schlagenden Abschiedsbrief „Hamburg, keine Perle“ vor einem Monat sehr schön formuliert:

(…) Andere Städte geben sich richtig Mühe, es ihren Bürgern nett zu machen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass man mit dem Fahrrad fahren kann, ohne täglich den Unfalltod zu riskieren. Du nicht. Ich habe gehört, dass Du kommendes Jahr “Green Capital Of The World” wirst. Ist das ein Witz? Mit wem musstest Du dafür ins Bett gehen? Genausogut könnte man Berlin zur “Freundlichsten Metropole der Welt” küren.
Noch ein Beispiel gefällig? Du arbeitest seit längerem daran, zur kinderfeindlichsten Stadt Deutschlands zu werden. Deine Kitaplätze, ohnehin zu dünn gesäht, kosten jetzt über 500 Euro. Du hast das Essensgeld in Kindergärten und Schulen auf einen Schlag um 60 Prozent erhöht. (…)
Das einzige, was Du dauerhaft erreicht hast, ist, Deine Bürger zu vergrätzen. Deine Leute! Die Dich immer verteidigt haben. Die immer eine Niederschlagsstatistik zur Hand hatten, wenn die Münchner Dich wegen Deines Wetters verspotteten. Die immer eine Liste namhafter Künstler herunterrattern konnten, wenn mal wieder ein Berliner behauptete. “Hamburg? Da ist doch nichts.”
Für die müsstest Du mal Standortmarketing machen. Mit bezahlbaren Wohnungen. Mit Angeboten für Familien. Ist Dir eigentlich bewusst, dass ein Krippenplatz in Hamburg fast dreieinhalb mal so viel kostet wie in München?

Ja, Hillenbrand ist unfair, und Hillebrand ist auch ein bisschen doof (weil er nämlich ausgrechnet nach München zieht, die Stadt, die nun wirklich rein gar nichts von dem hat, was er in Hamburg berechtigterweise vermisst). Aber er hat recht. Hamburg, das ist eben nicht nur die tolle Elbe, das ist auch eine Stadt, die eine Verkehrspolitik macht, die jedes Verkehrsmittel, das nicht PKW heißt, erstmal zweitrangig behandelt. Hamburg ist eine Stadt, in der jeder hilflose Ansatz, Ungerechtigkeiten zumindest ein klein wenig abzumildern, sofort niedergebügelt wird, ob das jetzt der Versuch eines Schulsystems ist, dass minimal durchlässiger wird oder eine bessere Anbindung eines Problemstadtteils an den ÖPNV – sofort bilden sich Bürgerinitiativen dagegen. Hamburg ist eine Stadt, in der Pfründe aggressivst verteidigt werden. Vielleicht lese ich zuviel die Leserbriefspalten der einzig echten Lokalzeitung, aber ich habe immer mehr den Eindruck: Diese Stadt ist bevölkert von Leuten, die eine wahnsinnige Angst haben vor Freiräumen, vor Vermischung der Szenen, vor Subversion. Diese Stadt ist viel mehr Wandsbek und viel weniger St. Pauli. (Das ist nicht so weit hergeholt: Bei der regierenden CDU etwa geht rein gar nichts ohne Rücksprache mit dem mächtigen Ortsverband Wandsbek.)

Und dann stehe ich eben doch wieder an der Elbe und bin gepackt. Diese Stadt weiß nämlich, wie sie mich kriegt: mit ihrem Fluss. Dann gehe ich ins uebel & gefährlich und glaube, im besten Club der Welt zu stehen, dann gehe ich ins Thalia und bin überzeugt, dass nirgendwo in Deutschland besseres Theater gemacht wird, dann gehe ich am Gängeviertel vorbei und glaube, dass die subversive Kunstszene doch noch nicht vollkommen nach Berlin abgewandert ist.
Und dann habe ich doch noch meinen Frieden mit Hamburg gemacht, für kurze Zeit.

Edit: Ein halbes Jahr später äußert sich Hillenbrand noch einmal selbst zu seinem Text – in einem leider etwas nichtssagenden Video.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich bei den Pet Shop Boys, älteren, schwulen Briten mit Hang zur Operette und zumindest in Deutschland einer Tendez zum hausfrauigen Publikum. War klasse. Und bei Elton John könnte es vielleicht entsprechend ganz ähnlich werden.

Elton John erlebt ja gerade so eine Art verspätete, zweite Anerkennung. Plötzlich wird festgestellt, nö, das ist ja nicht nur ein Clown mit großer Brille, der Schnulzen wie „Nikita“ singt, die Musik für das unsägliche Disney-Musical „Der König der Löwen“ schreibt und seinen Platz in der Musikgeschichte vor allem der Tatsache verdankt, dass er ein altes Lied nach dem Tod einer Prinzessin geschäftstüchtig schnell auf diese umdichtete. Nein, Elton John, das ist doch großartige Musik! Das sind tolle Texte (die nicht von John sondern von Bernie Taupin stammen, aber immerhin), und das sind auch tolle Kompositionenen! Ja, die Songs sind gut, bisschen 08/15-Harmonien, aber immer, wenn es zu konventionell wird, dann haut John einen schrägen Ton rein, einen Rhythmuswechsel oder eine Verschiebung in der Tonart. Das ist schon ziemlich raffiniert, raffinierter jedenfalls als man beim ersten Hören denken würde.
Außerdem ist John ein guter Pianist. Das hört man ja bei diesen entsetzlich überproduzierten 80er-Hits nicht raus, heute spielt John allerdings solo, gerade mal unterstützt von dem Perkussionisten Ray Cooper (und einigen billigen Synthiestreichern, über die wir hier den Mantel des Schweigens breiten). Das heißt: Es gibt keine Gitarristen, die Rücken an Rücken Riffs runterbrettern, es gibt keine Backgourndsängerinnen, es gibt keine Saxofonsoli. Und dann hört man: Songs wie „I guess that’s why they call it the blues“, „Rocket man“ oder „Ballad of the boy in the red shoes“ sind einfach groß, ohne Einschränkungen.

Doch, eine Einschränkung. Nämlich die: Elton John. Er macht zuviel, immer. Wenn er eine leise Passage spielt, fängt er nach ein paar Takten an, die Töne zu verzieren, ein Schnörkel hier, ein Hüpfer da. Wenn es härter zugeht, dann haut er in die Tasten, als ob er sein Klavier zerhacken wollte. Und leider singt er auch so. Nach einer Kehlkopfoperation falsettiert er nicht mehr, nein, das sind keine Schnulzen, das nicht. Dafür hat ihm irgendjemand gesagt, dass er eine Bluesstimme hätte, und deswegen singt er jetzt den Blues, ganz tief von innen heraus, brünftig und schwer auszuhalten. Und dazu setzt Cooper nicht etwa einzelne Akzente, bewahre: Er schüttelt erst ein wenig das Tamburin, dann springt er zum Xylophon, spielt ein paar Takte Marschrhythmen auf der Snare und schlägt zum Finale einen Gong. Er nutzt das breite perkussive Instrumentarium aus, und zwar bei jedem Song. Und dann fiedeln die Synthies aus der Konserve, die hätten wir ja fast vergessen.

Eine Dramaturgie gibt es nicht, fast drei Stunden lang zieht sich dieses Konzert, zu laut, zu nuancenlos. John freut sich, geht an den Bühnenrand und signiert Eintrittskarten, minutenlang. John erinnert sich: wie er 1964 erstmals auf der Reeperbahn gespielt hat. John macht eine wütende Ansage zum „Boy in the red shoes“, in der er an den Welt-Aids-Tag vor einer Woche erinnert, von HIV in den frühen Achtzigern erzählt und schließlich die damalige US-Regierung unter Ronald Reagan anklagt, nichts aber auch rein gar nichts gegen die Epidemie unternommen zu haben. Das ist ehrlich und klug und schön.
Und dann rattert de Hitmaschine weiter, dann haut John in die Tasten, und Cooper haut auf die Pauke. Blues, das ist das Entsetzen darüber, wie schlimm etwas ist, nachdem man erkannt hat, wie schön es eigentlich sein könnte.

Zu viele, zu lange Texte, zurzeit in der Bandschublade. Zum schönen, schweißtreibenden, sexy Konzert von Kele im Mondial gibts daher nur ein verwackeltes Handyfoto, obwohl man natürlich ziemlich viel sagen könnte über den Konsenskünstler Kele, der Indiegirls, Schwulenszene, Hipster und Musikfans, die die 80er noch erlebt haben, im Club versammelt. Ich mag aber nicht.


Ich war noch nie in einem New-Burlesque-Club. Das ist bemerkenswert, lebe ich doch in einer Stadt, die für sich in diesem Bereich eine deutschlandweite Vorreiterrolle reklamiert, andererseits: Was reklamiert Hamburg nicht alles für sich, vielleicht ist das ja auch nur Geschwätz, und die Clubs sind gefüllt mit hemmungslosem Feierpublikum, Touristenschwaden, die nackte Haut sehen wollen, wer weiß. Das Queen Calavera, angeblich der beste Burlesque-Laden der Stadt, sollte jedenfalls an Wochenenden gemieden werden, von wegen Touristen-, Pinneberger- und Alkopop-Horden. Aber ich kenne den Laden ja ohnehin nicht.

Was ich seit Freitag kenne, ist Katharina Bosses Fotoserie „New Burlesque“. Weil die 42-Jährige nämlich noch bis 15. Januar bei Robert Morat ausstellt, außer „New Burlesque“ auch noch ein paar Bilder aus der Serie „Portrait of the artist as a young mother“ sowie Blumenbilder, sehr weiblichkeitsmystisch die einen, sehr formalistisch die anderen, beides nicht wirklich was für mich. Berührt haben mich hingegen die „New Burlesque“-Bilder, in ihrer ultrakünstlichen Buntheit, in ihrer Ironie, in ihrer Feier des unauthentischen Körpers. Und hier muss ich ein wenig ausholen.
New Burlesque, das ist Striptease. Und auch wieder nicht. Striptease ist eine Dienstleistung, deren Ziel Erregung ist, also, Erregung eines primär männlich-heterosexuellen Publikums. New Burlesque versteht sich nicht als Dienstleistung, sondern als Lust an der Erregung. Der Tanz ist hier nicht in erster Linie zielgerichtet: Das Ziel im Striptease wäre, offen gesprochen, die Erektion des Betrachters, im New Burlesque geht es eher um einen Spaß auf beiden Seiten, der Zuschauer soll sich ebenso amüsieren wie die Tänzerin. Zudem findet New Burlesque zumindest im Idealfall nicht in der hochkapitalisierten Welt statt, in der Striptease oft zu Hause ist, die Tänzerinnen sind hier ihre eigenen Unternehmerinnen, die die Einnahmen entsprechend behalten. Außerdem gibt es ein paar signifikante ästhetische Unterschiede: Zwar ziehen sich auch Burlesque-Tänzerinnen aus, allerdings nicht völlig – die Brustwarzen bleiben bedeckt, der Slip bleibt an. Und schließlich zeichnen sich Burlesque-Tänzerinnen dadurch aus, dass ihre Körper nicht normiert sind: Sie sind zwar nicht grotesk überzeichnete Körper (wie man sie in manchen Nischenbereichen der Pornographie findet), sie sind aber auch nicht die in ein ganz festes Schema gepressten Hardbodies der gängigen Erotikindustrie. Es sind: Frauen, mit Brüsten und Schenkeln und Polstern an Stellen, an denen andere Frauen unter Umständen keine Polster haben. Was nicht zum Trugschluss verführen sollte, dass wir es hier mit echten, also: authentischen Körpern zu tun haben würden. Im Gegenteil bewegen wir uns in einer durch und durch künstlichen Welt, die Frauen sind stark geschminkt, gestylt, tragen Schuhe, bei denen jeder Orthopäde Weinkrämpfe bekommen müsste.
Dieses Spiel mit Unauthetizität auf der einen, Ablehnung von strengen Normierungen auf der anderen Seite betont Cécile Camart in ihrem Text zu Bosses Serie:

Die spezifische Besonderheit der Welt des Burlesque, so wie sie von zeitgenössischen amerikanischen Darstellern neu interpretiert wird und die Katharina Bosse uns vorführt, ist von Hause aus ein Paradox : das der Verfremdung, der Defokussierung, manchmal bis zur Unendlichkeit.

Das macht New Burlesque noch nicht zur explizit politischen Aktion. Das Verhältnis von New Burlesque zum Mainstream-Erotik-Entertainment lässt sich vielleicht besser mit dem von Twee-Pop zur Musikindustrie vergleichen: Twee macht Spaß, Twee steht irgendwie außerhalb der üblichen Pop-Hierarchien, Twee will aber nichts wirklich umstürzen. Und so wie es im Twee-Pop Bands wie die Puppini Sisters gibt, gibt es im New Burlesque dann eben auch Dita von Teese: den Absturz einer Subkultur in den absolut massentauglichen, vulgären und ästhetisch wie politisch vollkommen uninteressanten Mainstream. Der dann das Einfallstor bietet für die Pinneberger, die wochenends Burlesque-Clubs auf der Reeperbahn stürmen und Ärger machen, wenn zum Showende der Slip nicht fällt.

Aber Katharina Bosse fotografiert keine Dita von Teese. Katharina Bosse fotografiert Babette LaFave, Candy Whiplash und The World Famous *Bob*, US-Amerikanerinnen, in vollem Wichs, aber nicht auf der Showbühne, sondern in typisch amerikanischen Suburbs, auf Parkplätzen, in Vorgärten, in Einfamilienhäusern. Eine Bruchlinie, eine Irritation: der unauthentische Körper in der unauthentischen Idylle.

Die Abbildung zeigt Katharina Bosses Fotografie der Tänzerin Dirty Martini aus der Serie „New Burlesque“. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

01. Oktober 2010 · Kommentare deaktiviert für Flimmern, Flirren · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , ,

In einer gerechten Welt würde die wundervolle Berliner Band Klez.e nicht nur die klitzekleine Hamburger Prinzenbar füllen können, in einer gerechten Welt würden Klez.e in riesigen, ausverkauften Hallen spielen, und vor den Hallen würden Fans campieren, in der Hoffnung, einen Soundschnipsel abzubekommen. Aber wer möchte in einer gerechten Welt leben? In einer Welt, in der solch stille, flirrende Konzerte wie das gestrige nicht möglich sind, weil Hallen nicht auf Stille und Flirren ausgerichtet sind, sondern auf Überwältigung und Aufruhr?

(Dass es für Bands ein ökonomisches Problem darstellt, wenn nicht einmal die Prinzenbar ausverkauft ist, das ist mir auch klar und steht auf einem ganz anderen Blatt.)

[vimeo 5773397]

05. September 2010 · Kommentare deaktiviert für In Richtung Nordsee tröten · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , , ,

Nachdem das Deutsche Schauspielhaus die Spielzeiteröffnung mit einer Art Jugendtheater ohne jugendlichen Appeal beging, zieht jetzt das Thalia nach und eröffnet mit, nunja, einer Art Puppentheater: Goldene-Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun inszeniert ein eigenes Stück namens „Vor uns die Sintflut“. Und der Einstieg zeigt eben einen angelnden Seemann mit einem Sockenpuppen-Fisch, nicht uncharmant, aber auch ein wenig läppisch. Nun denn.
Im Vergleich zu früheren Theaterarbeiten Kameruns fällt auf, dass es eine echte Handlung gibt. Nämlich die: Eine Bordgesellschaft aus bohèmienhaften Künstlerexistenzen schippert auf einem Luxusliner über die Weltmeere, um das Seebegräbnis einer verstorbenen Operndiva zu begehen, während im Unterdeck Heizer (das Proletariat!) und Flüchtlinge (das unheimliche Andere!) vor sich hinvegetieren. Was mehr oder weniger originalgetreu die Handlung von Fellinis Film „E la nave va“ (1983) ist, im Programmheft nichtsdestotrotz als ureigene Schöpfung Kameruns bezeichnet wird. Dafür hören wir aber: Großartige Musik der All-Star-Band Die Vögel (Ja, König, Ja-Multitalent Jakobus Siebels, Goldene-Zitronen- und Stella-Mitglied Mense Reents sowie Sterne- und Goldene-Zitronen-Bassist Thomas Wenzel), einen sehr coolen Bühnehund, der eigentlich nichts macht außer hin und wieder von links nach rechts zu laufen und zu schnuppern, Schauspieler, die einem den Atem nehmen, so gut sind sie (Lisa Hagmeister!, Felix Knopp! Alexander Simon!), immer wieder gute, politisch scharfe Ideen, die die Geschichte davor abhalten, vollends ins Läppische zu rutschen. Also: alles gut?

Nö.

Weil „Vor uns die Sintflut“ nämlich trotz aller Mühen Ausstattungstheater bleibt, letztlich ohne politische Relevanz. Weil die Idee, in Fellinis Reisegesellschaft ein Symbol für die dekadente, abgehobene Upperclass zu sehen, nicht funktioniert: „E la nave va“ spielt zu Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Zeit, in der man Künstler tatsächlich noch als Bohème sehen konnte, „Vor uns die Sintflut“ will mit Sarkozy- und Sarrazin-Zitaten aber ein Stück für 2010 sein, und 2010 stehen Künstler dem Prekariat näher als der Oberschicht. Währenddessen fahren vor dem Theaterzelt dröhnende Partyboote vorbei, währenddessen schauen wir in der Pause auf die Beachclubs am Elbufer, währenddessen trötet ein Kreuzfahrtschiff lustig in Richtung Nordsee davon und erinnert daran, wer heute eigentlich wirklich der Dekadente ist. Vor allem aber: Das Thalia hat seine Zelt-Dependance ausgerechnet auf einer Brachfläche in der Hafencity aufgebaut, dem Symbol eines gentrifizierten Eliten-Wohnviertels, abgehoben von der echten Welt. Das fröhlich auf der Thalia-Website als Produktionspartner genannt wird, Dankeschön auch.

Der taz vom Samstag hat Kamerun ein kluges Interview über die Verquickung von kommerziellen mit künstlerischen Interessen im Stadttheaterbetrieb gegeben. So klug, wie die Musik der Goldenen Zitronen, so klug wie Kameruns sonstige Theaterarbeiten. Und irgendwie hätte ich mir so etwas Kluges auch in der Hafencity gewünscht.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=zICbt6BZmz8]

Und dann ich so: Das klingt ja schön, was da gerade läuft.
Und dann er so: Das gefällt dir? Das ist doch voll kommerziell, das könnte fast im Radio laufen.
Ich so: Ich habe ja nichts dagegen, wenn etwas im Radio laufen könnte, ich habe nur etwas dagegen, wenn etwas im Radio läuft.
Er so: ???
Ich so: Jean-Luc Godard, sinngemäß: „Es geht nicht darum, politische Kunst zu machen, es geht darum, politisch Kunst zu machen.“ Mir gefällt es, wenn jemand aus den richtigen Zusammenhängen kommt. Wenn eine Band aus antikapitalistischen, antisexistischen und antiimperialistischen Zusammenhängen kommt, dann würde ich die auch noch hören, wenn sie traditionellen Bluesrock macht.
Und dann er so: Dann sag mir mal, welche traditionelle Bluesrockband du so hörst.

Und jetzt? Was antworte ich? Gibt es da was?

20. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Haut · Kategorien: Schubladendenken · Tags: , , , , , , ,

Franziska Finkenstein hat für jetzt.de, die Online-Überreste von Jugendlichkeit der Süddeutschen Zeitung, einen Essay über Musikvideos geschrieben. Titel: „Nacktheit, Sex und Blut. Über die Verrohung des Musikvideos“. Dieser Essay hat mich ein wenig geärgert, und um sagen, weswegen, muss ich ein wenig weiter ausholen.

Musikvideos entstanden in den 1960er Jahren, kurze Filme zu einzelnen Songs beispielsweise der Beatles, die im Fernsehen gezeigt wurden. Ihre Hochzeit hatte diese Mischform aus Musik, Film und Werbung in den 80ern, spätestens seit 1981 der US-amerikanische Fernsehsender MTV auf Sendung ging, der zunächst ausschließlich Musikvideos spielte. Was für die Form von Musikvideos prägend war: MTV war ein amerikanischer Sender und stand für eine typisch amerikanische Ästhetik (Gewalt konnte nur in Maßen gezeigt werden, Sex gar nicht), Videos, die nicht auf MTV gezeigt wurden, existierten praktisch nicht. Das änderte sich auch nicht, als mit Viva 1993 eine deutsche MTV-Kopie an den Start ging, gespielt wurden zwar anders als beim US-Original auch deutschsprachige Songs, die Bildästhetik aber blieb gleich: kein Sex, kaum Gewalt, praktisch keine Politik. Werbefernsehen.
Mittlerweile haben wir 2010, die (längst unter einem Dach firmierenden) Fernsehsender MTV und Viva haben sich in Trash-Boulevard-Resterampen ohne nennenswerten Musikvideo-Anteil gewandelt, der Werbeeffekt von Musikclips geht gegen Null, und die Plattenindustrie befindet sich ohnehin in der Krise. Was nicht heißt, dass es keine Musikvideos mehr gibt: Im Kunstkontext entstehen noch welche, quersubventioniert beispielsweise über den MuVi-Preis der Kurzfilmtage Oberhausen. An Filmhochschulen. Als Fingerübung. Oder als DIY-Spielerei. Im TV läuft sowas natürlich nicht mehr, dafür im Internet. Youtube mag als erste Anlaufstelle für Musikvideos im 21. Jahrhundert gelten, allerdings hängt Youtube immer noch der US-Moral nach und zensiert fröhlich alles, was nach nackter Haut aussieht. Außerdem sperrt das Unternehmen immer mehr Videos aus urheberrechtlichen Gründen, was die Clipsuche mitunter recht mühsam macht. Mehr Spaß bietet hingegen Vimeo: Auch Vimeo ist ein US-amerikanisches Unternehmen, allerdings mit Kunsthintergrund, und in der Kunst darf vieles sein, was in der Unterhaltung verboten ist. Nicht zuletzt Sex.

Und hier setzt Finkenstein an. Sie schreibt:

(…) Die Fluktuation dort (auf youtube et al., F.S.) und im gesamten Netz ist groß. Das bedeutet, dass es für Musiker immer schwieriger wird, mit ihren Clips gesehen zu werden. Man muss auffallen. Dieser Zwang scheint die Bildsprache zu ändern. Zunehmend versuchen die Regisseure und Produzenten, mit extremer Bildsprache, mit Provokationen und Schockeffekten die Aufmerksamkeit der Webnutzer zu bekommen.

Ist das so? Tatsächlich gibt es auf Vimeo Sex. Angefangen von „Plug me in“ (2000) von Add N to (X). Hier sehen wir noch ganz klassische Pornografie, allerdings mit einem Zug ins Spielerische.

[vimeo 12855566]

Ebenfalls gibt es Prodigys „Smack my Bitch up“ von 1997. Auch hier zwar Provokation, aber keine nennenswerte Verschiebung der Körperpolitik – wenn man vom hübsch überraschenden Gendertrouble-Moment in der letzten Minute absieht.

[vimeo 11895383]

Schließlich Rammsteins „Pussy“ (bei dem mir sicher niemand böse ist, wenn ich es hier nur verlinke aber nicht einbette): alles da. Und alles tolle Belege für Finkensteins These. Nur nennt sie diese Beispiele nicht. Sie nennt dagegen „Gobbledigook“ (2008) von Sigur Rós, ein charmant-sinnliches Peace-and-Love-Filmchen.

[vimeo 9298382]

Moment mal? Extreme Bildsprache, Provokationen, Schockeffekte? Bei spielenden Nackten im Park? Die Autorin geht weiter, zu „Kids in Love“ (2010) von Mayday Parade:

[vimeo 13954506]

Jugendliche ziehen sich aus, rangeln, vögeln. Extreme Bildsprache? An keiner Stelle, stattdessen friedliches, ein wenig langweiliges Glück. Kein Vergleich zu den gestählten Hardbodies, die US-kompatibel Sexualität andeuten, in den Mainstreamvideos von Pink, Christina Aguilera, Britney Spears. Nur benennt Finkenstein diesen Unterschied nicht, weil er ihr nicht in die These passt. Wäre ja auch blöde, zuzugeben, dass die Sexualität in den Videos von Mayday Parade und Sigur Rós nicht etwa provokant und pornographisch ist, sondern vielmehr das Gegenteil der zensierten Sexualität im Mainstream. Dass die Freiheit von Zensur auch eine Freiheit der Sexualität bedeuten könnte.

Ich schließe mit einem Video, das Finkenstein gar nicht erwähnt, vielleicht, weil es für den US-Geschmack verpixelt ist: „Lessons learned“ (2009) von Matt and Kim. Weil auch hier eine sexuelle Befreiung zumindest angedeutet wird – und weil der durchaus verstörende Schluss diese Befreiung gleich wieder in Frage stellt. Das können Musikvideos nämlich, im Gegensatz zur Pornografie: Fragen stellen (und die ansonsten sehr geschätzte Frau Neudecker hat die Sache vor über einem Jahr ein bisschen falsch verstanden).

[vimeo 6334633]

Edit: Dass gerade mal zehn Minuten nach Onlinestellen dieses Textes schon zwei Suchanfragen „Kids Porno“ hier aufgeschlagen sind, ist natürlich widerlich.

Was? Dockville 2010, 13.-15. 8. 2010, HH-Wilhelmsburg, Reiherstieg

Verpasst? Klaxons, interessierten mich eigentlich noch nie, außerdem spielten Frittenbude parallel.
Jan Delay, weil man wissen muss, wann gut ist.
Bonaparte, weil die Sterne parallel spielten. Gute Entscheidung, wegen Sternen, aber schade wars trotzdem.
Therapy?, weil ich nicht mehr 20 bin, echt.
K.I.Z., weil ich nicht mehr 12 bin.
Slime, weil ich zwar um die historischen Verdienste dieser Band weiß, weil ich aber auch weiß, dass Punkrock in den letzten 30 Jahren inhaltlich wie ästhetisch eine Entwicklung gemacht hat, bei der Slime einfach nicht mehr dabei sind.
The Drums, weil ich schon mit Delphic ein ausreichendes Maß an gehypten Britbands um die Ohren hatte. Ja, ich weiß, dass die Drums aus den USA kommen. Trotzdem.
War ich eigentlich überhaupt mal an der Hauptbühne?

Schönster Konzertmoment? Als Wir sind Helden „Bring mich nach Hause“ spielten und ich mit einem Schlag ergriffen war, trotz festen Vorsatzes, so kommerziellen Kram nicht gut finden zu können.

Überraschendster Konzertmoment? Zu realisieren, dass Gustav schwanger ist. Weil ich mit meiner ganz tollen Textinterpretationssicherheit immer davon ausgegangenen war, dass die Frau Jantschitsch doch eigentlich lesbisch sein müsste. Ja, ich weiß, dass eine Schwangerschaft auch dann möglich wäre, Danke für die Aufklärung.

Und die Kunst? Schien mir besser ins Festivalkonzept integriert als noch vergangenes Jahr. Eigentlich stolperte man immer wieder über Kunst, Thomas Judischs „Nur drei Schritte ins Paradies“ etwa wurde tatsächlich zur Schlammschlacht genutzt, und „Ein kleiner Regen dämpft das große Gewitter“ vom Institut für wahre Kunst im Anschluss dankbar angenommen, um die Schlammspuren zumindest halbwegs abzuwaschen.

Und jetzt? Wirds erstmal Herbst.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=bhZACPqnXQY]

10. August 2010 · Kommentare deaktiviert für Beruhige dich, es ist nur ein Geist · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , ,

Das Beunruhigende an der Kunst Cosima von Bonins ist, dass man sie eigentlich nicht versteht. Dass von Bonin Zitatebene um Zitatebene einzieht, hier ein Comic, dort eine Stickerei, da ein Soundfile, die man erkennen muss und irgendwann decodieren kann. Nur: Sobald man sie endgültig decodiert hat, macht diese Kunst keinen Spaß mehr. Cosima von Bonins Kunst funktioniert, solange man etwas erahnt, einen feministischen Bezug, ein queeren Hintergrund, einen Link zur Popkultur; als klares Zeichensystem aber ist sie trivial. Cosima von Bonins Kunst ist ein Geist, dessen kalter Atem einen kurz schaudern macht, ohne dass man genau wüsste, was man da gerade in Wahrheit spürt: „Relax, it’s only a ghost“ hat sie ihre Rauminstallation auf der documenta 13 nach einem Phantom/Ghost-Song benannt.

Bis zum 3. Oktober bespielt von Bonin das Kunsthaus Bregenz. Und weil Worte nichts helfen, gibt es statt einem Ausstellungsbericht ein paar fotografische Eindrücke.


Was bleibt? Nichts.


Die zusammengenähten Fotos „Poodle or not“ gab es als Edition zu kaufen, plus ein von der Künstlerin selbst gestaltetes rosa T-Shirt, für 180 Euro. Fast hätte ich zugeschlagen, aber mir steht Rosa so schlecht.


Hat der müde Vogel Blut gespuckt? Oder wurde er erschossen? Man weiß so wenig.


Der Kiosk steht schräg vor dem Kunsthaus und hat eigentlich rein gar nichts mit der Ausstellung zu tun (obwohl er so aussieht). Allerdings ist er einer der fünf letzten noch existierenden Pilzkioske weltweit – der in Bregenz nennt sich „Milchpilz“, was eklig klingt, sich allerdings auf die leckeren Milchprodukte bezieht, die man hier erwerben kann.

Edit: Was ich ebenfalls aus Bregenz mitgebracht habe, ist ein neues Titelbild für dieses Blog. Es zeigt die Rauminstallation „Bye bye Utopia“ von raumlaborberlin.