12. August 2012 · Kommentare deaktiviert für In den Händen eines Geists · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Man trägt Stereokopfhörer, durch die man neben Anweisungen auch Alltagsgeräusche hört – die einen freilich mehr verwirren als dass sie einem helfen würden. Und man trägt eine Brille, durch die man nur noch Schatten und Lichtwechsel erkennt, Lichtwechsel, die aber meist nichts mit der Umgebung zu tun haben, sondern von Mitarbeitern mittels Taschenlampen hergestellt werden. Mit anderen Worten: Man ist vollkommen desorientiert. Und man kann nicht anders als den Händen vertrauen, die einen kurz berühren, in eine bestimmte Richtung lenken, einen mit leichtem Druck auffordern, stehen zu bleiben.

Nachdem das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel mit einer Hafenkonzertrundfahrt verhältnismäßig ernüchternd begann, folgt jetzt eine Produktion, die mich versöhnt: „Symphony of a Missing Room“ von Lundahl & Seitl. Auf der Nachtkritik steht, wie ich es fand, jegliche Verantwortung abzugeben und mein Schicksal in Hände unsichtbarer Geister zu legen.

01. Juni 2012 · Kommentare deaktiviert für Ein Hirn wie ein Sieb · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , ,

Ein wenig erinnert das an den US-Hair-Metal der späten Achtziger: künstlich bis in die ondulierten Haarspitzen, laut, politisch fragwürdig, nicht ohne kaputten Reiz, weswegen auch folgerichtig in einer alptraumhaften Szene Guns ’n Roses’ „Welcome to the Jungle“ im Halbplayback läuft.

Ich erinnere mich kaum noch daran, wie ich vor zwei Monaten Anna Bergmanns „Katze auf dem heißen Blechdach“ am Staatstheater Braunschweig gesehen habe. Ein Hirn wie ein Sieb, und langsam aber sicher geht es ja auch bei mir auf die 40 zu. Vor allem scheine ich aber auch zuviel Theater zu sehen, das überschreibt sich ja alles ständig, und irgendwann ist das eine Stück wie das andere. Zur Erinnerung: In der aktuellen theater heute steht, wie ich es fand. (Link nur für Abonnenten zugänglich.)

27. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Mit Lebensmittel rumsauen · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , ,

Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit „La Macarena“ mit minimal abgeändertem Text: „Eeeeh … Makarenko!“, toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Wenn Konservative sich über das zeitgenössische Theater aufregen, dann motzen sie eigentlich immer darüber, dass da ohne Unterlass gebrüllt werde. Dass ununterbrochen mit Lebensmittel rumgesaut werde. Dass es immer total eklig sei. Und dass die Schauspieler ständig nackt seien. Mit anderen Worten: So wie in „Fuck your Ego!“ der ersten (mehr oder weniger ganz großartigen) deutschen Produktion der estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper am Thalia in der Gaußstraße. Für nachtkritik.de habe ich ein bisschen was von der Premiere aufgeschrieben.

22. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Alles richtig gemacht · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , ,

Was für ein Einstieg. Das Volk tobt, Gitarre und Sampler dröhnen, die Revolutionäre stolpern über die Drehbühne, ackern, prügeln, wärmen sich am offenen Feuer. Und im Hintergrund rotiert eine mehrere Meter hohe Bühnenskulptur, eine Mischung aus Klettergerüst, Todesstern und Firmenlogo (Bühne: Florian Lösche). Minutenlang geht das so, und als endlich die ersten Worte mehr gestammelt als gesprochen werden, hat man kapiert: Wenn Jette Steckel am Hamburger Thalia Büchners „Dantons Tod“ inszeniert, wird einem nichts geschenkt. Weder den Zuschauern noch den Darstellern – noch bevor das Stück richtig begonnen hat, schwirrt den einen schon der Kopf und sind die anderen schweißgebadet.

Die Regisseurin Jette Steckel lässt mich nicht kalt. Weil ich ihre Arbeiten immer perfekt finde, zeitgemäß, durchdacht. Aber leider auch ein wenig einserschülerinnenhaft. Am Thalia zeigt Steckel seit gestern Büchners „Dantons Tod“, und auch diese Inszenierung macht alles richtig, hinterlässt mich aber nicht ganz befriedigt. Auf nachtkritik.de steht, weswegen.

15. April 2012 · Kommentare deaktiviert für Wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte · Kategorien: Stoffe · Tags: , , , , , , , , , ,

Vorbemerkung: Nachdem ich gestern diesen Post geschrieben hatte, dachte ich, dass klar würde: Es geht hier nicht um eine Abwertung dessen, was landläufig als „Provinz“ bezeichnet wird, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die konkret ich mit Provinz habe. Im Laufe des Abends dachte ich mir: Doch, das versteht man falsch! Man denkt, ich würde mich mokieren! Man denkt, ich würde mich für was Besseres halten! Dann schrieb Mark einen Text, in dem er beschreibt, wie glücklich er über seinen Umzug von Hamburg nach Berlin ist. Dann fragte mich K., wie es gewesen sei, „in der Provinz.“ Und als ich meinte, dass das keine Provinz war, weil ich doch eine tolle Theaterinszenierung gesehen hätte, antwortete sie, dass es doch eine Stadt nicht vom Provinzmakel befreien würde, wenn es dort tolles Theater gebe: „Braunschweig! Da gibt es doch nichts!“ Und da dachte ich mir: Vielleicht ist das Thema ja doch komplizierter als gedacht. Vielleicht ist es doch nicht falsch, den Artikel stehen zu lassen.

Die schöne, kluge Frau ärgert sich darüber, wenn ich über die Provinz herziehe, und natürlich hat sie damit recht. In Hamburg zu leben, ist keine Leistung, auf die man wahnsinnig stolz sein muss, im Gegenteil, 1,7 Millionen Menschen leben hier, und wenn man mal von den Problemen absieht, eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, wird einem dieses Leben nicht wirklich schwer gemacht. Beziehungsweise, ich denke, es würde einem schwerer gemacht, wenn man zum Beispiel in Cottbus leben müsste. Und schwul wäre. Und/oder dunkelhäutig. Und/oder linksradikal. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, und wenn ich über Cottbus rede, dann ziehe ich eigentlich schon wieder über die Provinz her, erwischt!

Aber warum ziehe ich eigentlich über die Provinz her? Weil ich meinen eigenen, zutiefst provinziellen Charakter nicht losbekomme. Weil ich höllisch darunter leide, dass Hamburg selbst von Tag zu Tag provinzieller zu werden scheint. Weil erst C. nach Berlin zog und dann M., und gestern bekomme ich auch noch eine Mail von T., der Berlinhasserin T., die sich fragt, ob es nicht das Beste wäre, aufzugeben, die Koffer zu packen und loszuziehen, nach Berlin. Mein kleines, liebes Blog, mein Schreiben über „das Leben in der Stadt“ (wie ich es in meiner Kurzbio auf Nachtkritik formuliert habe), das ist doch nur ein Abarbeiten an der Provinz. Provinz, das ist nicht das Land (doch, das liebe ich), das ist auch nicht die Metropole (doch, die liebe ich auch), das sind die derzeit 65 Städte zwischen 100000 und 500000 Einwohnern, in denen die meisten Einwohner Deutschlands leben, prozentual mehr als in jedem anderen Land Europas. Halle, Bottrop, Salzgitter, Städte, die nie in den Nachrichten auftauchen, nie in den Feuilletons, Städte, in denen man nicht tot überm Zaun hängen möchte, was tun die Leute dort, um Himmels Willen? (Ich nehme einfach mal an: Sie leben. Sie arbeiten, besuchen Ausstellungen, gehen auf Konzerte, sie verlieben sich, bekommen Kinder, trennen sich. Häufig leben sie wahrscheinlich ganz glücklich, dort.)

Am Wochenende jedenfalls war ich Braunschweig. Ich kenne Braunschweig nur vom Durchfahren, der Blick vom Bahnhof: ein Alptraum in Brutalismus, aber Blicke von Bahnhöfen sind nicht besonders repräsentativ für eine Stadt, schon klar. Ansonsten ist Braunschweig Provinz für mich, 250000 Einwohner, geographisch wie metropolenmäßig zwischen Chemnitz und Gelsenkirchen. Allerdings mit riesigem Theater: 900 Plätze, das ist fast das Niveau des Hamburger Thalia, da fragt man sich schon, weswegen diese Bühne es überregional schwer hat. Zumal in der aktuellen Saison hier Leute wie Stephan Rottkamp inszenieren, Patrick Wengenroth oder Mareike Mikat – das sind ja alles keine Provinztrottel, das sind Leute, die ansonsten fest an der Schaubühne inszenieren, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Münchner Volkstheater, ich meine ja nur. Und auch die Premiere, die ich mir anschaue, Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ in der Inszenierung von Anna Bergmann hätte in dieser Form problemlos in Hamburg oder Berlin gezeigt werden können, wobei, vielleicht ist das schon wieder der doofe Metropolenblick, der einer Kulturinstitution gönnerhaft zugesteht, „berlinfähig“ zu sein. Vielleicht hätte man auch einfach sagen können: Diese „Katze auf dem heißen Blechdach“ war eine gute Inszenierung, Punkt. Eine gute Inszenierung, von der niemand erfährt, weil, Braunschweig, das ist doch Provinz, da fährt man nicht hin.

(Was tatsächlich überall in der Provinz rumsteht: Häuser von Friedensreich Hundertwasser, Architektur an dem Punkt, an dem die Avantgarde in Kitsch umschlägt. In Braunschweig gibt es kein Hundertwasser-Haus, dafür aber eines von James Rizzi. Sieht auch nicht besser aus.)

10. März 2012 · Kommentare deaktiviert für Das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , ,

Schorsch Kamerun preist einen Supermarkt, Melissa Logan ein Industriebier und Kristof Schreuf einen Versanddienst, ein Schauer läuft einem über den Rücken. Diese per Video eingespielten Perlen der Songwriterkunst tragen die erste Hälfte des Abends, weil sie a) in ihrer textlichen wie musikalischen Scheußlichkeit an einen Autounfall auf der Gegenfahrbahn erinnern, b) ein Wiedersehen mit 21 einst geschätzten und mittlerweile ein wenig aus den Augen verlorenen Musikerpersönlichkeiten ermöglichen, c) im Arrangement eigentlich gar nicht mal schlecht klingen. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass das Stück zur Nummernrevue verkommt: Man wartet, wer als nächstes auf der Leinwand erscheint und achtet überhaupt nicht mehr auf die Schauspieler.

Und das ist wirklich schade: Das sind ja keine besseren Statisten, das sind gestandene Darsteller wie Robert Stadlober und Pheline Roggan, die über weite Strecken auf der Bühne allein gelassen werden. Vor lauter Verzweiflung retten sie sich ins Bauerntheater, spielen gekünstelt Big Business und lassen ihre Figuren dabei hemmungslos in Richtung Karikatur rutschen (Roggan immerhin eskaliert apart zu Jens Rachuts Verpunkung einer Lebensmittelmarkt-Hymne).

Guilty Pleasures: Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo, in einem Film, in einem Theaterstück, in der S-Bahn Pheline Roggan sehe. Das ist ungewöhnlich, weil Roggan in ihrer Mädchenhaftigkeit eigentlich gar nicht der Typ ist, für den ich ansonsten so schwärme, egal, ich mag diese Attitüde, das hübsche Gesicht der bürgerlichen Linken geben zu wollen. Wobei es natürlich bezeichnend ist, dass auch Roggan nicht dafür sorgen konnte, dass mir Thomas Ebermanns Satire „Der Firmenhymnenhandel“ auf Kampnagel halbwegs etwas sagte. Na, für einen freundlichen Verriss auf Nachtkritik hat’s gereicht.

29. Februar 2012 · Kommentare deaktiviert für Wir sind Loman · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , ,

Vielleicht ist es ja auch gar nicht falsch: mal einen Klassiker der Moderne nicht zwanghaft ins Jetzt zu prügeln, mal ein Theater auszuprobieren, das nichts wissen will von Postdramatik, nicht einmal etwas von Dramaturgie (für diese Produktion jedenfalls wird kein Dramaturg genannt). Und stattdessen darauf vertraut, dass Millers Text die Psychologie der Figuren schon ausreichend charakterisiert. Minks macht das zunächst ganz geschickt, er versteht, dass Miller wenig von reinem Abbildrealismus hielt, und so dringt die Regie tief ein in die Psyche des erfolglosen Vertreters Willy Loman (Burghart Klaußner) und bebildert dessen zunehmenden Realitätsverlust.

Clever wechselt Minks zwischen Passagen, die sich mal in der Wirklichkeit, mal in Lomans Kopf abspielen, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und wir, die wir konsequent Lomans Perspektive einnehmen, verlieren zunehmend selbst den Überblick. Das ist klug inszeniert, es ist aber auch ein billiger Ausweg: Wir sind Loman, aber wir verstehen nicht, was dessen amerikanischer Alptraum aus den 1940ern mit der Gegenwart des Jahres 2012 zu tun haben könnte – wenn man sich die Frage stellen möchte.

Wer auf diesem kleinen, süßen Blog schon ein wenig rumgelesen hat, der hat schnell gemerkt, dass ich mit Werktreue im Theater kaum etwas anfangen kann. Aber ich bin ja offen für Neues, also schaue ich mir im St.-Pauli-Theater Wilfried Minks‘ Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Burghart Klaußner an. Um hinterher so ernüchtert wie bestätigt zu sein. Alles Weitere: auf der Nachtkritik.

Depri erzählt: Wie er als Ensemblemitglied in einer europäischen Ethnokitschshow um einen Teil der Gage geprellt werden sollte. Und wie er es schaffte, fürs gesamte Ensemble den gerechten Lohn zu erstreiten: indem er zur „Ratte“ wurde, zum ökonomisch ultrarational agierenden Individuum. Leider ist Depri nicht ausschließlich Ratte, sondern zu mindestens genauso großem Teil Verrückter. Und während die Ratte das verdiente Geld in Form eines Gebrauchtwagens nach Abidjan verschiffte, setzte sich der Verrückte ausgerechnet am Silvesterabend ans Steuer, obwohl doch jeder weiß, dass die westafrikanischen Straßen da voller Geister sind. Gute Geschichte, das.

Mal ehrlich: Ist das doof, wenn ich hier ständig auf Seitensprünge verlinke, also, auf Texte, die ich anderswo veröffentlich habe? In diesem Fall: auf meine Besprechung von „Insisitieren“, dem neuen Stück von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen, das gestern abend auf Kampnagel Premiere hatte und das ich heute früh auf nachtkritik.de besprach? Oder ist das vielleicht trotzdem okay, weil: Ich habe ja nur ein bestimmtes Maß an Worten, irgendwann versiegt der kreative Fluss, und dieses Maß ist ja eigentlich reserviert für meinen Brotjob, dann für die Abnehmer, die mir ein bisschen Geld pro Text zahlen, und wenn dann noch was über ist, dann kommt das in dieses kleine, lustige Blog, die Kür, die Bandschublade. Weil gerade aber ziemlich viel andernorts los ist, würde die Bandschubalde verwaisen, und das will doch auch niemand, oder? Also: Linkschleuder, für die, die das mögen.

Außerdem verweise ich auf ein recht spannendes Interview, das ich vergangenes Jahr mit Monika Gintersdorfer fürs uMag geführt habe.

26. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Jamboree/Ich bin Thilo Sarrazin · Kategorien: Bretter · Tags: , , , , , , , ,

Die Premiereneinladung kam per Facebook. Was ungewöhnlich ist, existieren doch mehrere berufliche Mailadressen, über die man mich ganz problemlos kontaktieren kann. Andererseits: Irgendwie passt diese Form der Kontaktaufnahme auch zu diesem, äh, naja: Theaterstück?, „Die Generalversammlung der Welt“ von Meyer&Kowski, im Museum für Völkerkunde. Immerhin auch mal eine Gelegenheit, diesen Ort zu besuchen, einen riesigen Jugendstilklotz in Rotherbaum, dessen Inneneinrichtung einen sofort berührt, ach, ich mag Jugendstil. Was hier überhaupt nichts zur Sache tut.

„Die Generalversammlung der Welt“ ist, das merkt man recht schnell, ein großer Fake. Also: Der chinesische Lehrer Lobo Chan reist durch die Welt, um die Menschheit zu überzeugen, sich friedlich zu treffen, im Jahr 2050, am besten in Australien, weil, in Australien ist ausreichend Platz. Im Völkerkundemuseum hören wir einen von Lobos Vorträgen, er sucht nach „Botschaftern“ für sein Vorhaben, also beschreibt er, wie er auf die Idee besagter Generalversammlung kam und was er damit bezwecken möchte. (Insbesondere bei letzterem Punkt bleiben die Ausführungen extrem unkonkret, was der Vortrag durch ein gehöriges Maß an Sympathie wieder wett macht.) Lobo ist begeistert, er ist auch ein wenig missionarisch, kurz überlegt man, in eine sektenähnliche Erweckungssituation geraten zu sein, aber dann übernimmt das theatrale Element, wir merken, alles ist nur Spiel. (Überhaupt, missionarisch, Lobo Chan ist doch überhaupt kein Lehrer aus Hunan, wie er behauptet, Lobo Chan ist ein britischer Opernsänger und Schauspieler, und für die, die das bis zum Schlussapplaus noch nicht kapiert haben, singt er noch eins!)

Wobei die Rafinesse des Theaterduos Meyer&Kowski (was ein hübsches Wortspiel ist und eigentlich den Regisseur Marc von Henning und die Dramaturgin Susanne Reifenrath meint) darin besteht, erstens das Gemachte ihrer Produktion nicht zu verstecken, wahrscheinlich niemand im Saal glaubt wirklich, es hier mit einem Vortrag und keinem Theaterstück zu tun zu haben – und zweitens die Inhalte dieser „Generalversammlung der Welt“ dennoch nicht zu denunzieren. Was Lobo da vorn erzählt, kommt bei einem an, auch wenn man weiß, was hier gespielt wird. Und was da ankommt, das ist nicht schön.

Denn die Idee, 2050 in Australien (beziehungsweise in Argentinien, im Verlauf des Stücks gerät das ein wenig durcheinander) zusammenzukommen, alle 50 Milliarden Weltbürger, hat in ihrer Monströsität etwas Erschreckendes. Was sollte diese Generalversammlung denn miteinander anfangen? Bestenfalls sich gleich die Köpfe einschlagen, schlimmstenfalls beieinander stehen, ohne Ahnung, was man miteinander reden soll, und über kurz oder lang vor Langeweile sterben? Zwei Meinungen zum Thema, wie Menschen miteinander umgehen, stehen sich unversöhnlich gegenüber: Die einen glauben, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, sozialen Kontexts einfach grundätzlich nicht miteinander auskommen können und man deswegen allen Beteiligten etwas Gutes tut, wenn man dafür sorgt, dass sie sich nicht über den Weg laufen. Thilo Sarrazin zum Beispiel denkt so. Die anderen glauben, dass die Menschen, wenn sie sich nur einmal Auge in Auge gegenüber stehen, schon den Freund im Anderen erkennen werden, das ist die Idee des Jamboree, das ist die Idee, die die Lobo-Chan-Figur uns mit glühendem Blick nahebringen möchte. Ich aber möchte nicht den Freund im Gegenüber erkennen, falls das Gegenüber George W. Bush sein sollte, meine Güte, ich möchte mich ja nicht einmal mit einem Christdemokraten im gleichen Raum aufhalten!

Mein Gott, ich bin Thilo Sarrazin!

Wobei soziale Netzwerke wie Facebook tatsächlich eine Art „Generalversammlung der Welt“ im Kleinen herstellen. Was mir dieser, ja doch: Theaterabend mit auf den Heimweg gab, ist auch eine Erklärung, weswegen mir Facebook nicht ganz geheuer ist: weil sich da nämlich nicht nur sympathische Gruppen wie Gays against Guido tummeln, sondern halt leider auch der echte Guido Westerwelle. (Wenn ich nicht aufpasse, werde ich wirklich soziophob. Ich meine, will ich eigentlich noch mit einem Zug fahren, wenn womöglich die Gefahr besteht, dass in meinem Waggon auch ein FDP-Mitglied sitzt?) Es passiert nicht häufig, dass ich nach einem Theaterstück stundenlang über mich, über meine Weltsicht nachgrübelte – dass „Die Generalversammlung der Welt“ das geschafft hat, dafür kann man Meyer&Kowski durchaus loben.

Ach so, dafür, dass dieses Stück unter ganz klassischen Entertainmentaspekten funktioniert hat, dafür natürlich auch.

(„Die Generalversammlung der Welt“, 27. 1., 17., 18., 24. und 25. 2., Großer Hörsaal im Museum für Völkerkunde, Hamburg)

16. Januar 2012 · Kommentare deaktiviert für Seitensprung (2a) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , ,

„Ich bin halt ein Mensch, der noch an die totale Revolution glaubt!“ sagt Quijote einmal, pathetisch, entschuldigend, lächerlich, irgendwo zwischen Jesus und Jonathan Meese.

Wer sich noch dafür interessiert, was ich zu Stefan Puchers „Quijote. Trip zwischen den Welten“ am Thalia zu sagen habe: in der jungen Welt stehts.