Eine Schnurre aus dem Leben eines freien Journalisten: Der freie Journalist spricht mit seinem Redakteur ein Thema ab. Umfang, Ausrichtung, Entlohnung eines Artikels, vielleicht auch Kleinigkeiten wie die, ob Spesen übernommen werden. Nachdem all das abgesprochen ist, macht sich der freie Journalist auf, er recherchiert, er hat Ausgaben, er schreibt. Dann schickt er den abgesprochenen Text in die Redaktion und wartet auf die Veröffentlichung (in diesem Gewerbe ist es üblich, dass Texte nach Erscheinen bezahlt werden). Und wartet. Und wartet. Und irgendwann wird ihm klar: Der Text wird wohl nicht mehr kommen. Und ein Honorar bekommt er auch keines. (Falls er ein Interview zur Recherche geführt hat: Ein weiteres Gespräch wird ihm dieser Interviewpartner auch nicht mehr gewähren, immerhin hat der sich Zeit genommen für den Journalisten, da wird man doch wohl erwarten dürfen, dass der Text auch erscheint. Nein?) Wenn er Glück hat, erstreitet sich der freie Journalist ein Ausfallhonorar, das in der Regel einen Bruchteil des abgesprochenen Honorars beträgt, dafür hat der freie Journalist von nun an in der Branche den Ruf, ein Streithansel zu sein.

Wenn ich solche Geschichten höre, bin ich erleichtert, dass ich kein freier Journalist bin, zumindest nicht so richtig.

Jedenfalls habe ich einen Artikel abgesprochen, über die Ausstellung „ARTandPRESS“ im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie. Ich wäre ohnehin nach Karlsruhe gefahren, und wahrscheinlich hätte ich auch ohnehin etwas über die Ausstellung geschrieben, hier, in diesem kleinen, sympathischen Nischenblog, aber vielleicht möchte meine Überlegungen ja auch wer anders? „Hallo C., möchtet ihr was?“ „Klar, mach‘ mal.“ Und ich mache, warum auch nicht. Dauert natürlich. Und es ist auch nicht so, dass ich nichts anderes zu tun gehabt hätte, egal, ist ja für eine gute Sache. Nur erscheint nichts, eine Woche lang nicht, zwei Wochen lang nicht, einen Monat lang nicht, plötzlich lese ich, dass der Abnehmer in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt, irgendwo lese ich das böse Wort: „Insolvenz“. Übel. Da will ich nicht rummotzen, da dränge ich auch nicht, dass sie endlich meinen Text drucken sollen, die haben gerade anderes um die Ohren als eine Ausstellungskritik aus dem Badischen.

Aber trotzdem, schade ist es schon, auch um die ganze Arbeit.

Nach fünf Wochen entscheide ich mich, den Text auf die Bandschublade zu stellen. Einfach, damit er nicht verloren geht. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, C., wenn du das hier liest und den Text doch noch drucken möchtest, mal vorausgesetzt, es geht euch wieder besser, dann melde dich, ich nehme ihn dann wieder runter, dann habt ihr ihn auch exklusiv. Ja?

Verbrechen-Promis-Sex

Die Ausstellung ARTandPRESS in Karlsruhe ist weniger Kunstschau als Tool zur Imagepflege des Medienpartners. Von Falk Schreiber

Pop-Artists schauen dich an. Drei Wände im Karlsruher ZKM haben Gilbert & George mit ihren typischen großformatigen Collagen vollgekleistert, ältere, zurückhaltend stilvoll gekleidete Herren sind da zu sehen, die ihren Blick x-fach gedoppelt auf den Betrachter richten. Und zwischen Künstlern und Betrachtern: Schlagzeilen, kurz angerissenes Marktgeschrei. „Murder!“, „Rape!“, „Death!“

Gilbert & George beziehen sich für die Ausstellung ARTandPRESS auf eine typische Werbeform der Boulevardmedien, wie man sie auch hierzulande findet: Einzelne, möglichst reißerische Schlagworte auf Plakaten und Aufstellern verweisen auf den vollständigen Artikel im zu kaufenden Heft, meist aus dem Kontext Verbrechen-Unfall-Prominenz-Sex. Was zunächst irritiert, weil das Laute, Populistische gar nicht wirklich zum distinguierten Habitus dieses Künstlerpaares zu passen scheint, auf den zweiten Blick dann aber doch stimmig ist: Gilbert & George waren immer schon gleichzeitig urbritische Upperclass und fröhlich Sun-lesende Labour-Wählerschaft. Die drei Arbeiten aus der Serie „London Pictures“ sind keine Irritation, im Gegenteil: Sie passen perfekt zu ARTandPRESS. Weil sie die Intention wie die Problematik dieser Ausstellung nahezu prototypisch darstellen.

ARTandPRESS will Wechselwirkungen, gegenseitige Beeinflussungen und Differenzen von (Print-)Medien und Bildender Kunst nachspüren. Und kommt zu einem eher pessimistischen Urteil: Nahezu alle ausgestellten Künstler scheinen der Presse zutiefst skeptisch gegenüber zu stehen, Schmierfinken scheinen da am Werk zu sein, die vereinfachen, wo sie analysieren sollten, die Propaganda verbreiten, wo sie informieren sollten, die Wirtschaftsinteressen bedienen, wo sie ethisch handeln sollten. Bei Richard Prince werden die Medien so zur oberflächlichen Promi-Maschinerie, bei Josephine Meckseper zu Apolegeten eines unerreichbaren Schönheitsideals, dem als ironische Spitze die alltägliche Hässlichkeit eines Schuh-Verkaufsstands gegenüber gestellt ist, bei William Kentridge zum Insignium wirtschaftlicher Macht, einer Macht, die parallel Folter, Leid und Ausbeutung mit sich bringt, wovon nichts in der Zeitung steht. Was alles stimmt und meist auch ästhetisch überzeugt, selbst wenn man recht häufig Zeitungspapier als Leinwand für alles in allem recht konventionelle Malerei sieht, was als künstlerische Entscheidung doch verhältnismäßig dürftig ist – vor allem, wenn man in direkter Nachbarschaft eine vielschichtige Arbeit hat wie Farhad Moshiris „Kiosk“: 500 Perserteppiche, die die Titelbilder westlicher Zeitschriften zeigen, Klatsch und Glamour aus Vogue et al.

Das Problem von ARTandPRESS ist nicht die Qualität der gezeigten Kunst, das Problem ist der sehr enge Begriff, den die Ausstellung von den Printmedien hat: Medien ist gleich Boulevard, so scheint man hier zu denken. Und dann fällt einem plötzlich auf, wer Medienpartner dieser Ausstellung ist: die Bild (die auf diesem Blog traditionell nicht verlinkt wird). Ein Druckerzeugnis, das seit Jahren darum kämpft, als Presse ernstgenommen zu werden, eine Zeitung zu sein, mit der man sich argumentativ auseinandersetzen muss, und nicht nur ein ziemlich ekliges Unterhaltungs-Etwas. ARTandPRESS ist eigentlich keine Ausstellung, sondern ausschließlich ein Tool zur Imagepflege des Medienpartners.

Ein Tool, das allerdings ziemlich gut funktioniert, muss man neidlos anerkennen. Nach dem Ausstellungsbesuch jedenfalls fällt es auch dem seriösen Feuilleton nicht mehr schwer, in den Kohlezeichungen Robert Longos ein „Occupy Girlie“ zu entdecken. Womit die diskriminierende Sprache des Boulevards hastdunichtgesehen in den echten Journalismus eingesickert ist. Danke, Bild.

ARTandPRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit. Bis 10. 3., ZKM, Museum für Neue Kunst, Karlsruhe. Auf dem Foto: Annette Messager: „Dancing Newspaper“, 2010. Für das Werk: © VG Bild-Kunst Bonn 2012/ Annette Messager, Courtesy Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. Im Hintergrund: Marlene Dumas: „Figure in Landscape“, 2009. Für das Werk: © Marlene Dumas/David Zwirner Gallery.