Ich bin mir so unsicher. Bei jeder Gelegenheit betonen Polizei und Verfassungsschutz, dass rechte Gewalt ja wohl gleich schlimm sei wie linke Gewalt, und die freundlichen Helfer von Springer beten das sofort nach: Keinesfalls dürfe man auf dem linken Auge blind sein, man sehe ja schon an den ständigen Autobränden, wie böse diese Linken sind. So. Nur in Hamburg nicht. In Hamburg sprechen alle von „erlebnisorientierten Jugendlichen“, die voll unpolitisch auf die Kacke hauen würden. Selbst Bild, sonst ein enger Freund der Rechts-Links-Austauschbarkeit, schrieb vor einem Jahr (Normalerweise wird dieses Blatt auf meinem Blog nicht verlinkt, hier aber doch, von wegen Quellenangabe. Guttenberg vergaß das ja, ach, ich bin mir so unsicher):

Viele der rund 1500 Störer haben gar kein Interesse an der links-politischen Ausrichtung des Schanzenviertels. Sie kommen nur zum Randalieren. Unter den 42 Festgenommenen ist nicht einer, der im Viertel lebt. Die meisten sind laut Polizei „erlebnisorientierte Jugendliche“, viele haben Migrationshintergrund, waren auffällig gut gekleidet.

Was soll das? Wollen die Konservativen gerade in Hamburg, gerade im Schanzenviertel bloß nicht den Eindruck aufkommen, da hätte jemand womöglich ein berechtigtes Anliegen und würde nur die falschen Mittel wählen? „Erlebnisorientierte Jugendliche“, das sind doch nur Bengel, mit denen man sich nicht weiter zu beschäftigen braucht, denen gibt man ein paar hinter die Ohren und schickt sie dann nach Hause, nein? Oder was? Und: Wie stehe ich eigentlich zu diesen Leuten? Sind das Linke? Oder wirklich dumme Kinder? Ich bin mir so unsicher.

Ich weiß doch gar nichts. Grundsätzlich finde ich ja gut, wenn darauf hingewiesen wird, dass das Schanzenviertel, überhaupt: die Innenstadt, kein kommerzieller Raum ist, dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass Mövenpick ein Luxushotel in einen denkmalgeschützten Wasserturm baut, mitten im Naherholungsgebiet für die Anwohner. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Rote Flora zum Objekt von Immobilienspekulation wird. Dass die Menschen hier etwas dagegen haben, dass die Stadt, ihr Lebensraum, geprägt wird vom Kapital und sonst von nichts. Ich finde gut, wenn man sich wehrt.
Aber: Wehrt man sich, indem man gewalttätig wird? Funktioniert das überhaupt, ist nicht die Staatsmacht in jedem Fall stärker, haben die nicht Knüppel, wenn wir Fäuste haben, haben die nicht Knarren, wenn wir Knüppel haben, haben die nicht Panzer, wenn wir Knarren haben? Mal ehrlich?
Ähnlich ist die Sache mit den brennenden Autos. Was soll das denn bringen? Das soll das bringen: Verunsicherung der Herrschenden. Denen zu sagen, dass sie nicht auf Solidarität zählen können, sie sind der Feind. „Siehst du die Reichen und Mächtigen?/Lass ihre Wagen brennen“ singt Jochen Distelmeyer, und bei dem muss man natürlich fünfmal um die Ecke denken, um zu kapieren, was er eigentlich meint. In einer Großstadt braucht man kein Auto, wer doch eines hat, der betreibt damit ein Zeichenspiel der sozialen Segregation, ja? Und ist das wirklich so? Wenn in, sagen wir, Eimsbüttel der alte Daimler vom Besuch des Nachbarn in Flammen aufgeht und durch Funkenflug der Polo von der netten jungen Frau aus dem Erdgeschoss gleich mit, ist das dann Widerstand? Die Reichen und Mächtigen, also, echt jetzt? Ich bin mir so unsicher.

Erstmals wurde eine Gruppe mutmaßlicher Auto-Brandstifter verhaftet. Und endlich sprechen die Medien auch wieder von „links-autonomen Tätern“, die Welt ist in Ordnung. Und Frau Merkel freut sich, nicht darüber, sondern darüber, dass in Pakistan ein alter, politisch anscheinend weitgehend machtloser Mann erschossen wurde. Sollen sie, zumindest wird die Welt so wieder ein Stück weit übersichtlicher.
Wird sie?

Mein Ausgehverhalten hat sich verändert, in den letzten Jahren. Zu Beginn meiner Hamburger Zeit bin ich viel in der Schanze unterwegs gewesen, im Saal 2, im Thier, im Zoe II, in dieser komischen Bar am Schulterblatt, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendetwas hat sich verändert, ich habe mich verändert, wahrscheinlich, auf jeden Fall ging ich schon länger nicht mehr hier aus. Was nicht schlimm ist, nein. Aber wenn ich jetzt über die Schanze gehe, dann stelle ich die Veränderungen, die hier ja wohl schleichend passierten, überdeutlich fest. Die Video-Gegensprechanlagen, die Modediscounter, die Stahltore an den Einfahrten, die Pub Crawls. Die Schanze erscheint mir heute so, wie mir der Prenzlauer Berg vor fünf Jahren schien: Eine Mischung aus überteuertem Amüsierviertel, schick renoviertem Wohnquartier, Touristenfalle und, immer noch, ein, zwei hübschen Straßenzügen, mit Bars, in die ich weiterhin gerne gehe, hin und wieder.

Und mittendrin steht, immer noch, die Rote Flora. Die Rote Flora ist eine Ruine, ein 1888 erbautes Theatergebäude, das Ende der 1980er zur Musicalabspielstätte umgebaut werden sollte, dann aber besetzt wurde und heute eine Art autonomes Kulturzentrum ist. Ein schöner Ort, in dem ich immer wieder reizende Konzerte und Clubabende erlebte, was mich natürlich ein Stück weit als Typen charakterisiert, den die Flora-Betreiber eigentlich gar nicht als Gast haben wollen: als Nutzer der Infrastruktur, der mit dem politischen Hintergrund der Flora wenig am Hut hat. Als Nutzer einer Dienstleistung, die so aussieht, dass mir Musik und Getränke zu einem mehr als fairen Preis angeboten werden.
Das stimmt zwar nicht, auf der einen Seite, weil ich natürlich mit den Zielen der Stadtaneignung durch klandestine Gruppen deutlich sympathisiere. Auf der anderen Seite stimmt es wohl, weil ich persönlich diese Ziele nicht lebe, weil ich Miete zahle und Parteien wähle, die sich zumindest nicht den radikalen Systemwandel auf die Fahnen geschrieben haben. Und weil ich in die Flora gehe, wenn dort Tocotronic spielen; wenn Tocotronic aber im Uebel & Gefährlich spielen, dann gehe ich dorthin. Ich bin wahllos, untreu, und Linksradikale leben in solchen Dingen einen Treuebgriff, den selbst Erzkatholiken nicht mehr auf die Ehe anwenden würden.

Und doch, und doch. Ich halte es für wichtig, dass es Orte wie die Flora gibt, Orte, die eine Gegenöffentlichkeit darstellen, Orte, die nicht leicht konsumierbar sind, Orte, die sich verweigern. Als vor knapp zwei Jahren Künstler das Gängeviertel besetzten und in einer Public-Relations-Meisterleistung selbst die bürgerliche Presse auf ihre Seite zogen, da ließ einem der Erfolg dieser Besetzung den Mund offen stehen. Aber es muss auch Orte geben, die nicht von den netten Besetzern von nebenan geführt werden, es muss Orte geben, bei denen die Tür zugeht, sobald die Presse anklopft. Es braucht Interviews, wie das, das von Matthias Rebaschus und Joachim Mischke vorgestern fürs Hamburger Abendblatt (Achtung, Abonnenten-Login) mit den Rote-Flora-Aktivisten Andreas Blechschmidt und Florin geführt wurde, und in dem die Beiden die Frage beantworten, was passieren würde, wenn Bürgermeister Olaf Scholz plötzlich vor der Tür stehen würde.

Florin: Es ist völlig klar, dass die Tür in dem Moment verschlossen bleiben würde. Für uns haben nicht nur private Investoren wie Herr Kretschmer an der Flora nichts verloren. Auch die Stadt ist für uns kein akzeptabler Kooperations- oder Verhandlungspartner. Was die städtische Politik gegenwärtig darstellt, ist Teil des Problems, zu dem wir einen Kontrapunkt schaffen wollen.
Blechschmidt: Herr Scholz ist für uns ein politischer Gegner, mit dem wir uns nicht auf ein Kaffeekränzchen zusammensetzen wollen.

Mich würde das auch treffen, klar. Wenn nämlich am Einlass rauskäme, dass ich Journalist bin, dann lassen sie mich sicher nicht rein, ich bin Presse, ich bin der Feind. Damit muss ich dann leben. Damit, dass es Institutionen gibt, die kein Bestandteil sein wollen, für die es keinen Grund zur Versöhnung gibt. Allerdings: Eine Stadt, in der solche Institutionen fehlen, in der möchte ich eigentlich nicht mehr länger wohnen.
Und deswegen sollte ich vielleicht wieder häufiger in der Schanze ausgehen.