Nicht schön, aber ungemein lecker: selbstgemachte Tapas.

Ein Schönheitsfleck ist eine leichte Irritation innerhalb der Perfektion. Im eigentlichen Sinn: ein Muttermal an einer markanten Stelle des Körpers, das die Schönheit des Beschriebenen erst richtig zur Geltung bringt, an der Wange etwa, oder im Dekolleté. Nicht: am Po. Man sollte über den Schönheitsfleck reden können, und wenn man selbst nur durch eine glückliche Fügung in der Lage ist, besagten Fleck zu beschreiben, dann bringt das alles nichts. Der Schönheitsfleck ist das, was das Schöne überhaupt begehrenswert macht, ohne Fleck ist das Schöne einfach nur auf eine langweilige Weise schön.

Isabel Bogdan hat einen Blogeintrag geschrieben über Begeisterungsfähigkeit. Isabel, von deren Blog ich meist ohne wenn und aber begeistert bin, ist der Meinung, dass die schätzenswerteste Eigenschaft an einem Menschen diese Fähigkeit zur Begeisterung sei, und dass es eine positive Sache sei, wenn man in seiner Begeisterung jede negative Sichtweise ausblenden würde. Sie schreibt: „Ich finde, man kann auch ruhig einfach mal sagen: Dies oder das ist super. Punkt. Und sich die kleinen Kritikpunkte verkneifen.“ Ihre Begründung leuchtet mir vollkommen ein, und vielleicht ist das das Problem, das ich mit dieser Haltung habe: dass sie so einleuchtend ist. Sie begründet die Haltung nämlich mit der Liebe.

Es gibt nämlich eine Menge Dinge, die wirklich super sind, da braucht man nicht nach einem Haken oder einem Aber zu suchen. Und wenn man sie schon gefunden hat, den Haken und das Aber, dann kann man ihnen auch mal ein gepflegtes „Na und?“ entgegenschmettern. Weil das Supere nämlich überwiegt, und das Nicht-so-Supere nicht so wichtig ist. (…) Ich glaube daher, die Begeisterungsfähigkeit hängt mit einer weiteren Eigenschaft zusammen, die mir ebenfalls wichtig ist: dem Verzeihenkönnen. Und also mit der Liebe. Dem (durchaus bewussten) Übersehen kleinerer Makel, wenn das große Ganze gut ist.

Und da gehe ich nicht mit, auch wenn das alles in allem stimmig klingt. Im Gegenteil, die Liebe funktioniert (zumindest bei mir) nur im Bewusstsein (und auch im Ansprechen) der Makel, nicht im Übersehen. Also, wo wir jetzt schon in diesem Bereich sind, dann machen wir uns doch mal nackig, haben ja eh nichts mehr zu verlieren: Ich schwärme eigentlich immer von einem bestimmten Typ Frau, im erotischen Sinne, meine ich. Dieser Typ Frau ist eher klein, trägt die Haare raspelkurz und hat eine Brille. Die schöne, kluge Frau, naja, sie hat eine Brille, manchmal, meist bevorzugt sie Kontaktlinsen. Und ich liebe sie. Nicht nur wegen ihrer Intelligenz, nicht nur wegen ihres Charakters, auch wegen, äh, hüstel, wegen optischer Vorzüge. Dass sie nicht klein und kurzhaarig ist, ist kein Makel, es ist der Schönheitsfleck, der die Differenz zur perfekten aber langweiligen Schönheit definiert. Soviel zur Liebe, ich habe ohnehin schon einen knallroten Kopf, und eigentlich wollte ich ja auch etwas ganz anderes sagen.

Nämlich das: Es geht mir darum, dass nichts, was auch nur annähernd von Reiz ist, perfekt ist. Im Gegenteil, der Reiz liegt in erster Linie im Unperfekten, in der Abweichung, die dann bitte auch benannt werden soll. Ich kann mich unglaublich begeistern für Kunst und für Theater, und wenn ich dann auf der Vernissage bin und auf der Premiere, dann motze ich nur rum: Hier war der Regiezugriff nicht stimmig, dort die kuratorische Handschrift zu ungenau. Ich bin genau das, was Isabel Bogdan als „Nörgelheini“ bezeichnet, ich habe dieses Nörgelheinitum sogar so verinnerlicht, dass ich es zum Beruf gemacht habe. Zu einem Beruf, den Isabel nicht so toll findet (auch wenn sie von Literaturkritik schreibt, ein Ressort, in dem ich nur gästeweise hin und wieder auftauche):

Was wurde beispielsweise Elke Heidenreich für ihre Sendung „Lesen!“ belächelt! Zu Unrecht, finde ich. Elke Heidenreichs Geschmack ist nicht meiner, ihre Empfehlungen waren mir meist zu tantig – aber das Konzept, nur Bücher zu empfehlen und eben nicht herumzukritteln und abzuraten, fand ich erstmal super.

Ich denke, genau da liegt das Missverständnis: in der Annahme, dass diejenigen, die rumkritteln, die Haare in der Suppe finden (und benennen), sich nicht für das Bekrittelte begeistern würden. Zumindest bei mir ist nämlich das Gegenteil der Fall. Wenn ich über etwas motze, dann ist das Ausdruck meiner Leidenschaft, auch meiner Begeisterung über das Gesehene, das Motzen ist ein Benennen des Schönheitsflecks. Ich weiß, dass das nicht immer so ankommt wie es soll, Kritiker sind unter Künstlern in der Regel eher schlecht angesehen, weil gerade die Künstler der Meinung sind: „Da hat man monatelang an einem Kunstwerk gewerkelt, und dann kommt dieser Kritiker und konzentriert sich ausschließlich auf die paar Aspekte, die vielleicht nicht so gelungen sind!“ Ich habe einmal die wunderbare Comiczeichnerin Jule K. fürs uMag interviewt, ich habe versucht, sie im Gespräch auf Widersprüche, auf ästhetische Problemfelder, auf Ungenaues, kurz: auf Schönheitsflecken hinzuweisen, ich habe vielleicht auch ein wenig versucht, einen Streit zu provozieren, weil ich gerne streite. Und plötzlich brach es aus ihr heraus: „Ich habe gedacht, du findest meine Sachen gut! Und jetzt erzählst du mir seit einer halben Stunde, was alles scheiße ist!“ Wahrscheinlich hat sie recht, wahrscheinlich ist das wirklich nicht leicht zu verstehen.

Aber, verdammt noch mal, es hat doch nie jemand behauptet, dass die Liebe leicht zu verstehen sei. Und um ehrlich zu sein: Genau darum geht es mir doch, wenn ich nörgle. Um die Liebe.