13. August 2013 · Kommentare deaktiviert für Was mache ich hier eigentlich (August 2013) · Kategorien: Aus der Produktion · Tags: , , , , , , , , , , , , , ,

Was mache ich hier eigentlich? NIchts mache ich, Sommerloch mache ich, natürlich. Es findet ja nichts statt, die Theaterensembles sind im Urlaub, also war ich im Juli ebenfalls im Urlaub, außerdem war das Juli-uMag eine Doppelnummer, da fand auch nichts statt. Naja, fast nichts.

Ich habe auf jeden Fall die Ausstellung „Glam! The Performance of Style“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn besprochen. Und zwar für die junge Welt.

John McManus’ Video „Roxette“ (1977) zeigt junge Leute in Salford, die sich für ein Roxy-Music-Konzert aufbrezeln, und der Begleittext weiß hier nicht mehr zu erzählen, als daß die Protagonisten im Styling die urbane Tristesse der sterbenden Industriestadt überwinden würden. Ein Blick in die Zukunft hätte einen anderen Eindruck erweckt: Im New Wave und Post Punk stellten wenige Jahre später Bands wie The Smiths, New Order oder auch die hochkommerziellen Frankie goes to Hollywood klar, daß die urbane Tristesse keineswegs überwunden werden wollte, sondern vielmehr Bedingung für sehnsüchtigen Glamour war: Flowers in the Dirt.

In der kulturnews hingegen findet sich eine Filmkritik. Zu „Gold“, dem viel kritisierten Berliner-Schule-Western von Thomas Arslan.

Indem er (Thomas Arslan) eine Trail-Erzählung aber einerseits als Emanzipationsgeschichte Emilys anlegt und andererseits als Migrationsdrama, findet auch „Gold“ seinen Platz im Oeuvre des Regisseurs. Wenn auch als Kuriosum: „Gold“ ist mehr gelungene Fingerübung eines talentierten Filmemachers als echter Ausweg aus der realistischen Sackgasse, in die sich die Berliner Schule über kurz oder lang verirren wird.

Außerdem habe ich ebenfalls in der kulturnews zwei Comics besprochen. Erstens „Bleierne Hitze“ von Baru:

Der legendäre französische Comiczeichner Baru hat mit der Adaption von Jean Vautrins Hard-Boiled-Krimi „Canicule“ Motive wiederaufgenommen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen: Rassismus, unterdrückte Sexualität, Geldgier. Niemand kommt gut weg in „Bleierne Hitze“, alle sind grausam und schuldig, und unter die Räder kommt am Ende der letzte Rest Menschliches, hier, am Rande der Gesellschaft.

Und dann noch „Mein Freund Dahmer“ von Derf Beckderf:

In melancholischer Nonchalance beschreibt Backderf Langweile der Kleinstadt, Ausbruchsversuche, hilflose Rebellion, und über jedem Panel steht die Frage: Hätte man damals schon wissen können, was geschehen würde? Warum Dahmer, warum nicht wir? Anworten gibt es keine, nur die groteske Übertreibungsästhetik des US-Underground-Comic, die manchmal von fern an Robert Crumb erinnert. Nur lustig ist hier nichts mehr.

Und schließlich habe ich zwei Interviews für die Kultur//Ruhr geführt (beide nicht online verfügbar). Einmal mit Tobia Bezzola, dem Leiter des Essener Museum Folkwang:

Kultur//Ruhr: Herr Bezzola, Sie kommen aus der Schweiz, haben dor auch viel gearbeitet. Dass Klischee sagt, dass die Schweiz zumindest in Westeuropa das absolute Gegenteil des Ruhrgebiets ist – aufgeräumt, wohlhabend, ein bisschen distinguiert. Ist da was dran?

Tobia Bezzola: Das sind natürlich zwei ganz grundverschiedene Welten. Das hat zu tun mit der ganzen Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialstruktur … Das braucht man gar nicht weiter auszuführen, das versteht sich von selbst.

Kultur//Ruhr: Sind Sie ins Ruhrgebiet gekommen, um bewusst einen Kontrast zu erleben?

Bezzola: Ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten.

Und schließlich mit Anselm Weber, dem Intendanten des Bochumer Schauspielhauses:

Kultur//Ruhr: Was heißt das denn für Sie: Ruhrgebiet?

Weber: (sehr lange Pause) Tja. Das ist ne gute Frage … Das Ruhrgebiet ist erstmal ein sehr spezieller Lebensentwurf, der von außen anders wahrgenommen wird als sich die Realität tatsächlich abspielt. Damit meine ich im Speziellen, wie unterschiedliche Communities und Menschen hier zusammenleben – und wie sie das trotz der ökonomischen Situation eigentlich sehr friedlich tun.

Ich interessiere mich nicht für Til Schweiger. „Keinohrhasen“ habe ich nicht gesehen, „Zweiohrküken“ habe ich nicht gesehen, und „Kokowääh“ werde ich wohl auch nicht sehen. Das ist kein Qualitätsurteil, ich ziehe nicht über diese Filme her, sie interessieren mich nur auf der Inhaltsebene kein Stück. Das ist mein gutes Recht, manche Fans von Til-Schweiger-Filmen interessieren sich auch nicht für Filme von, sagen wir: Christian Petzold, den mag ich zum Beispiel sehr, sie aber schauen sich seine Filme nicht an, weswegen auch. Vielleicht ärgere ich mich ein wenig über Til Schweiger, wenn er in der Bild unangekränkelt von jeder Ahnung über Pädophile dahersalbadert, aber okay, über Schwanz-ab-Populisten ärgere ich mich immer, da ist Herr Schweiger nicht besser und nicht schlechter als andere. Eben ein schlichtes Gemüt, dem man ein Mikro vor die Nase gehalten hat, gibt es viele von.

Die Welt hat anlässlich des Todes des Filmproduzenten Bernd Eichinger ein Interview geführt, mit Schweiger (als Mainstreamstar aus dem Eichinger-Kosmos) und Oskar Roehler (als Underground-Querschläger, ebenfalls aus dem Eichinger-Kosmos). Die beiden jammern ein wenig, ist ja verständlich, sie trauern eben, um jemanden, der womöglich wirklich so etwas wie ein Freund war. Roehler wirkt leicht panisch, dass er ohne Eichinger seine Filme nicht mehr finanziert bekommt, und wanzt sich dabei an Schweiger ran, ist okay, ich würde es in seiner Lage nicht anders machen. Und Schweiger, der vertritt die These, dass Eichinger nie die verdiente Anerkennung bekommen hätte, weil, die Filmkritik, die Deutsche Filmakademie und die böse Filmforderung hätten ihn von Anfang an gemobbt. „Ich glaube, dass unterbewusst fast jeder gedacht hat, der Mann hat genug Erfolg, kleine Produzenten brauchen das Geld viel dringender“, behauptet Schweiger und offenbart dabei so etwas wie Verständnis für die Deutsche Filmakademie. Dann aber haut er das raus, was immer kommt, sobald es um die Vergabe öffentlicher Gelder an Kulturprodukte geht, die Behauptung, dass in Amerka alles besser sei: „Wenn wir eine Akademie hätten nach amerikanischem Vorbild, in der es nur um die Anerkennung geht, hätte Bernd einige Preise mehr bekommen.“
Schweiger argumentiert geschickter als ich es ihm zugetraut hätte. Zum Beispiel, indem er fordert, die Grenzen zwischen Hochkultur und Entertainment einzureißen: „Das eine ist Arthaus, das andere Mainstream. (…) Ich habe damals gesagt, dass wir die Schere im Kopf abschaffen müssen, dass wir in Zukunft von Artstream und Mainhaus sprechen sollten.“ Gute Sache! Bloß dass es Schweiger gar nicht darum geht, Grenzen einzureißen, er will, dass Arthouse verschwindet, er will, dass am Ende nur noch Mainstream übrig ist. Schweiger stellt dem Mainstream 180 Filme gegenüber, „die im letzten Jahr gefördert wurden und die keiner sehen will.“ Will sagen: Geld fließt in Produktionen vor leeren Stuhlreihen, er erwähnt „Vincent will Meer“, der gerade mal 900000 Besucher gehabt habe, Hirnwichse. Schweiger sagt: Man muss den Leuten bloß geben, was sie wollen, dann läuft der Laden auch, und öffentliche Förderung macht den Markt nur kaputt. „Was in Amerika selbstverständlich ist, ist in Deutschland ein Problem: das Publikum zu unterhalten. (…) In Deutschland ist Unterhaltung gleich Verdummung, die Leute sollen nachdenken, anstatt sich zu unterhalten.“

Ob es um Theater geht, um Museen, um Wissenschaft oder hier um Kino, dieses Argument kommt immer: Dass sich Qualität am Markt beweisen muss, und dass dieser Markt keinesfalls von der öffentlichen Hand beeinflusst werden darf. Dann blökt gleich noch jemand, dass das in Amerika doch auch funktioniere, ohne zu erwähnen, dass die US-amerikanische Theaterszene nahezu irrelevant ist, dass kaum bedeutende Kunst in den USA produziert wird, und dass das spannende US-Kino eher von den Rändern Hollywoods kommt als aus den großen Studios. Würde ja auch nicht in die Anti-Subventions-Suada passen, solch ein realistischer Blick.
Aber Kultur funktioniert anders, nicht nach den Gesetzen eines Marktes. Ein Beispiel: Die meisten Männer schlafen am liebsten mit Frauen. Das ist okay, und hin und wieder gibt das sogar auch ästhetisch Ansprechendes her. Aber eine Minderheit der Männer schläft lieber mit anderen Männern, wogegen sicher niemand etwas haben will. Würde man aber Marktgesetze auf sexuelle Vorlieben anwenden, dann gäbe es keinerlei ästhetische oder soziale Angebote für gleichgeschlechtlich Liebende – weil nämlich jeder Anbieter solcher Angebote auf seinen Vorteil achten würde, und die statistische Erfolgswahrscheinlichkeit am höchsten wäre, wenn man Minderheiten ignoriert.
Aus der sexuellen Sphäre auf die cineastische übertragen, bedeutet das: Finanziert würden ausschließlich Til-Schweiger-Filme, weil hier die Chancen halbwegs einschätzbar wären, die Investitionen wieder rein zu bekommen. Bei einem (meiner Meinung nach ganz großartigen) Film wie Thomas Arslans „Im Schatten“ kann man hingegen davon ausgehen, dass der die Investition nicht wieder einspielt. Der würde also erst gar nicht gedreht.
Zum Glück springen da Filmförderungen, Preise, Subventionen ein. Und machen den Markt kaputt, klar. Aber, hey, das ist doch das Schöne an dem System, Til-Schweiger-Filme refinanzieren sich am Markt, Thomas-Arslan-Filme refinanzieren sich durch die Filmförderung, beide haben ihre Berechtigung, und am Ende sind alle glücklich.

Aber leider hört Til Schweiger längst nicht mehr zu.