Mit Künstlern über Geld zu reden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Künstler sind meist der Meinung, dass man als Journalist zu den Großverdienern zähle, zumindest zu den Leuten, die sich für ein bürgerliches Lebensmodell entschieden hätten und sich dieses Modell auch irgendwie leisten könnten, und, wer weiß, womöglich ist da sogar was dran, trotz Medienkrise und tarifflüchtigen Verlegern. Wer weiß, vielleicht leben Künstler und Journalisten wirklich in unterschiedlichen Wirtschaftswelten, aber um ehrlich zu sein, ich glaube nicht wirklich dran. In beiden Welten geht es recht dreckig zu, und über kurz oder lang wird es noch mehr Welten geben, in denen es ebenso dreckig ist. Ich plädiere eher für großflächige Solidarisierungsaktionen.

Ich habe vor Jahren schon einmal ein Interview mit dem Berliner Choreografen Jochen Roller fürs uMag geführt, schon damals ging es gar nicht primär um ästhetische Fragen, sondern um ökonomische (und wie die Ökonomie später wieder auf die Ästhetik durchschlägt, das ist ja klar). Gestern hatte Rollers neues Stück „Der Carpenter-Effekt“ auf Kampnagel Premiere, ein Stück, das er gemeinsam mit Mónica Antezana erarbeitet hat, und in dem beschäftigen sie sich mit genau dieser Frage: Was wird eigentlich aus der Kunst, wenn gar keine Mittel für die Kunst mehr da sind? Wie ich es fand, habe ich für die Nachtkritik beschrieben:

Dass freies Theaterschaffen ein hartes Brot ist, ist keine neue Erkenntnis. Wer sich die Zustände verdeutlichen will, kann sich in der Facebook-Gruppe „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“ umfassend informieren – Tänzer, Sänger und Schauspieler tauschen sich hier darüber aus, mit was für lächerlicher Entlohnung sie abgespeist werden, und obwohl das nach zwei, drei Kommentaren regelmäßig in übles Subventionstheater-Bashing ausartet, muss man festhalten, dass Honorare und finanzielle Ausstattung im Theater jeder Beschreibung spotten. Und natürlich kann man auch andersrum fragen: Braucht man denn wirklich viel Geld? Braucht man Bühnenbilder, braucht man Kostüme? Wofür hat man Phantasie?

7 Kommentare

  1. Die Finanzierung von Bühnenbild und Kostüm ist dabei doch meist noch das geringste Dilemma der freien Theaterproduzenten. Vielmehr stehen wir vor dem Problem, dass das „Drumherum“ (Marketing, Presse- und Öffentlicharbeit, das Beantragen von Fördergeldern, Networking usw.) im Grunde ein Full-Time-Job ist, für den freie Theater und Ensembles aber niemanden bezahlen können. Also macht man es selbst, was zur Folge hat, dass einem erstens die investierte Kraft bei der eigentlichen, künstlerischen Arbeit abgezogen wird und zweitens die Erfolge mangels Sachkenntnis und Kapazität auch entsprechend gering bleiben. Wenn ich meine Veranstaltungen mittellos bewerben muß und im Grunde jedes Plakat dafür selber klebe, ist natürlich kaum zu erwarten, dass ich mich hinterher vor Zuschauern kaum retten kann. Da kann das Produkt noch so phantasiegeladen sein, wenn niemand davon weiß …
    Ein Teufelskreis, der ohne monetäre Beigabe von den wenigsten durchbrochen wird.

  2. Ich halte die Frage, ob man viel Geld braucht, für falsch gestellt. Man braucht angemessen Geld. Wie Esther bereits sagt: nicht für Bühne und Kostüm… für den Raum, ggf. die Aufführungsrecht, Werbung, Abwicklung – und vorallem und nicht zuletzt… die Menschen. Der Hauptkostenfaktor ist der Mensch. Und wenn er am Theater das Mindestmaß dessen verdienen soll, was er verdient… dann bedarf es dafür entsprechender Mittel.
    Also… nein, man braucht nicht wirklich viel Geld… aber man braucht Geld… zumindest wenn man nicht in den entwürdigenden Kreislauf aus Mangelgagen und/oder Einspielbeteiligung einsteigen will, der ausgebildete Menschen in ihrem Beruf verwehrt von ihm auch nur zu überleben.
    Allein Deine Frage impliziert, dass unter Umständen Geld verwendet wird wo es unnötig wäre, wenn man sich kreative Alternativen einfallen lässt.
    Eine angemessene Gage aber hat keine kreativen Alternativen.

    • Wir sind eigentlich einer Meinung – alles, was in ihrem Kommentar steht, kann ich unterschreiben. Bis auf den Satz, dass ich implizieren würde, dass Geld verschwendet werden würde. Das impliziere ich nicht, und das lasse ich mir auch nicht unterstellen. Sie und ich, wir stehen auf der gleichen Seite.

  3. Ich nehme schwer an, dass wir auf der gleichen Seite stehen… ich setze es sogar erstmal voraus. :)
    Aber ich bin über die Frage: „Wofür hat man Phantasie?“ gestolpert… die ja meint, ob man mit Phantasie nicht Kosten sparen könnte. Und nein, im entscheidenen Maße kann man das nicht… nicht an der Stelle, die den Hauptteil der Kosten verursacht.
    Theater mit kleinem Budget, freie Gruppen arbeiten in der Regel schon im Minimalbereich… mit einfachen Kostümen, Projektionen statt aufwendigen Bühnenbildern (deren Herstellung, Transport und Lagerung weitere Kosten aufwirft)… sie arbeiten mit Kartons und faltbaren Bühnenbildern aus Sperrholz – „Not macht erfinderisch“ wird da oftmals kreativ bewiesen. Und ich glaube keineswegs, dass ein gelungener Theaterabend am Budget der Ausstattung hängt… er lebt von den Menschen, die ihn auf die Bühne bringen.
    Und genau diese kosten das Geld, das fehlt – und es fehlt dann eben auch den Menschen.

    • Ah, jetzt verstehe ich! „Wofür hat man Phantasie?“, das ist ganz böser Sarkasmus, der sich explizit auf die Inszenierung „Der Carpenter-Effekt“ bezieht, die massiv mit Sarkasmus arbeitet. Die Frage wird dort ja auch beantwortet: Alle Phantasie schafft noch keine gelungene Inszenierung, am Ende braucht man trotzdem Geld, und wenn das nicht da ist, dann ist auch keine Kunst da.

  4. Dann ist in der Tat vollkommen klar… wir stehen auf der gleichen Seite! :)